David Bösch inszeniert Hauptmanns „Die Ratten“ in Bochum

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Tristesse einer Ehe: Szene aus den „Ratten“ in Bochum mit Katharina Linder und Jürgen Hartmann. ▪

Von Edda Breski ▪ BOCHUM–Die Ratten, die Pest und Plage als Chiffre sozialen Elends – damit gibt sich David Bösch nicht zufrieden. Da muss mehr her: ein Elefantenrüssel, ein übergroßer Hasenkopf, ein Schaukelpferd. Auf einer Art Friedhof der Kuscheltiere, zwischen einer Abbruch-Mauer und Kinder-Accessoires vollzieht sich das Sozialdrama, dessen titelgebendes Geschmeiß vor den Füßen der Schauspieler herumliegt. Bösch inszeniert „Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann an den Kammerspielen Bochum.

Die Stofftiere stehen überdeutlich für kaputte Sehnsüchte und leere Versprechen. Frau John (Katharina Linder) hat ihren kleinen Sohn verloren, sie klammert sich an die Hoffnung auf ein neues Kind. Da kommt ihr die gefallene Dienstmagd Paulina (Maja Beckmann) gerade recht: Sie kauft ihren Sprössling, wirft die Mutter wieder auf die Straße. Als die Magd ihr Kind zurückfordert, beschleunigt sie einen Kreislauf der Verdrängung, der heißläuft bis zur Gewalt.

Doch die Hitzigkeit und Wut der Unterdrückten, auch ihre Angst verlieren sich in einem Spiel aus Zitaten und Anspielungen: Der Witz bricht den Blick auf das Elend. Das Kind der Paulina liegt im rosa Kinderwagen und wird von Bruno mit einem rosa Stoffdinosaurier erschreckt. Derweil verreckt das Baby der Morphinistin Knoppe elendig, es endet in der Mülltonne.

Die Vorstellung vom spielerischen Erfahren der Umwelt transportiert Bösch auf den linkischen Erich Spitta (Matthias Eberle), der Schiller, Shakespeare und Max Reinhardts „Rede über den Schauspieler“ zitiert und Theatertheorie und linke Ideologie zwecks Selbsterfahrung durcheinanderrührt. Im Vorbeigehen demontiert Bösch die Bochumer Intendanten von Saladin Schmidt bis Anselm Weber. Dazu rieselt Kalk. Er spielt mit Versatzstücken einer hippen Postmoderne, gemischt mit milden Schock effekten eines engagierten Sozialtheaters. Kino-Zitate unterstreichen das: Spitta kann sich Walburga (Xenia Snagowski) nur im Spiel, als Romeo nähern. Bösch zitiert die Pistolen-Szene aus Baz Luhrmans „Romeo und Julia“-Film.

Frau John sieht aus wie eine abgehalfterte Marilyn Monroe in Schlappen (Kostüme: Meentje Nielsen). Bruno (Daniel Stock), ihr Bruder, ist ein Neandertaler mit blutbeschmierter Brust. Nach dem Mord umschlingt der Primitivling sein Opfer in einem Totentanz, versucht sie hilflos in eine Mülltonne zu stopfen, wiegt sie in seinen Armen. Das ist schön choreografiert, ein gebrochenes Romeo-und-Julia-Zitat.

Es wird berlinert und schlesisch gesprochen, damit hat das stark aufspielende Ensemble gelegentlich seine Schwierigkeiten: John mit Hosenträgern und Schiebermütze (überzeugend: Jürgen Hartmann als Berliner Prolet); die dauerbeduselte Knoppe als kaputte Dame der Unterwelt (herrlich morbide: Anke Zillich). Selma, ihre geknechtete Tochter (Kristina-Maria Peters mit eindrucksvoller Körpersprache), und Quaquaro, der Hausmeister (Raiko Küster), sind die Einzigen, die ihr Liebesbedürfnis in ein Versprechen für die Zukunft umwandeln: Sie gehen gemeinsam fort.

Bösch findet starke Bilder und integriert sie in ein Vexierspiel aus Selbstreferenz und Demontage, dem über weite Strecken jedoch Stringenz fehlt. Zeitlich wird das Stück nicht verortet, auch eine Aktualisierng wird nicht angestrebt. Was bleibt, ist eine Geschichte von der Hilflosigkeit des Menschen und von der Flucht als Traum. Manfred Böll hat als abgehalfterter Theaterdirektor Harro Hassenreuter einen starken Auftritt. Flitter fällt aus seinen Taschen und von den Jackenaufschlägen, er zitiert „Don Karlos“ und schaut selbstmitleidig ins Leere: „Ich bin nichts mehr.“

4., 10., 17., 27.2., 6., 10.3.,

Tel. 0234 / 33 33 55 55, http://www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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