David Bösch inszeniert „Der Diener zweier Herren“ in Bochum

+
Ein beherzter Griff ersetzt manche Liebeserklärung: Szene aus „Der Diener zweier Herren“ in Bochum mit Nicola Mastroberardino und Xenia Snagowski ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Es zwitschert. Tirili. Der Lulatsch in den abgerissenen Klamotten gaukelt uns pantomimisch und mit Flötenlippen das Vöglein vor. Er wirft sein Taschentuch nach vorn, über das Tier. Dann bricht es aus ihm hervor: „Iss ihn!“ Der Faustschlag aufs Tuch trifft die Tierfreunde im Publikum ins Herz. Diskret wendet sich Nicola Mastroberardino ab. Als er sich wieder umdreht, fällt eine Feder aus seinem Mundwinkel.

Truffaldino, Titelheld in Carlo Goldonis Komödie „Der Diener zweier Herren“, ist im Schauspielhaus Bochum sozusagen ein gesteigerter Habenichts. Sein leerer Magen spricht aus ihm, treibt ihn dazu, erst bei Florindo als Diener anzuheuern. Dann bei Beatrice, die als Mann verkleidet nach Venedig kommt, um eben jenen Florindo aufzuspüren, ihren Geliebten und zugleich Mörder ihres Bruders. Fragen Sie jetzt nicht nach Logik. Um die hat sich schon der Vollender der Commedia dell‘arte nicht geschert, als er 1746 sein Stück schrieb. Und Starregisseur David Bösch nimmt auch alles, wie es kommt. Goldonis Geschichte dient ihm als Anlass für einen total verjuxten Abend mit Anspielungen auf die Filmgeschichte.

Truffaldino entpuppt sich als Urvater der tragikomischen Helden, in dem schon Chaplins Tramp steckt und der stoische Keaton. Nur dass er spricht, mit vielen Zungen, je nachdem, welche seiner vielen Persönlichkeiten gerade in ihm Oberhand gewinnt. So verwechselt er Koffer und Briefe und treibt seine Herren, das maskierte Paar, nicht ins finale Liebesglück, sondern in den Unfalltod, weil hier zu viele Schusswaffen unterwegs sind. Nicht zufällig ließ Bösch sie im Hotel „Zum sterbenden Schwan“ absteigen.

Wir sehen ein ideales Italien, das wir aus Film, Funk, Fernsehen kennen. Hier trällert ein tätowierter Musikant (Karsten Riedel) Canzoni zur Gitarre und holt Soundtracks aus dem Keybaord, „Jump“ zu einer Fluchtszene oder „Das Lied vom Tod“. Hier tragen die Männer Hut, Sonnenbrille, Schulterhalfter. Mafia, capisce? Wie Pantalone, der seine Tochter Clarice mit Beatricens Bruder verlobt hat. Der soll tot sein, also kann man das Blondchen im Marilyn-Look gleich neu vergeben an Silvio. Nur dass Federico dann doch wieder auftaucht, lebendig und ehewillig, in Wirklichkeit Beatrice auf der Suche nach Florindo.

Klingt verwirrend? Ist es auch, was Bösch in drei Stunden vorführt. Aber für die Geschichte interessiert sich der Regisseur kaum. Eher schon für das improvisatorische Pointenwerk, das sich aus einzelnen Momenten entwickeln lässt. Da knattert die Vespa über die Bühne, und am Ende fährt ganz lohengrinesk ein lichterbehängter Karussellschwan auf. Beatrice klebt sich beim ersten Auftritt einen falschen Schnäuzer ins Gesicht, der prompt verrutscht, und Truffaldino staunt: „Was für ein Bartwuchs!“ Pantalone steigt einmal draculamäßig aus einem Sarg und knipst, was sein Smartphone hergibt. Und wenn Truffaldino seine Liebe zu Smeraldina entdeckt, führt das zu einer pantomimischen Turbo-Ehe von dem Über-die-Schwelle-Tragen bis in den Kreißsaal. Ach ja, und Silvio schießt Clarice im Trubel ein Auge aus, was das Liebesglück nicht wirklich trübt, weil man halt im Partnerlook Herzaugenklappen anlegt.

Das ist im Einzelnen durchaus lustig, aber in der Aneinanderreihung ermüdet es. So bleibt vor allem das Vergnügen an Soloauftritten und Dialogen von Mastroberardino (wunderbar, wie er den geöffneten Brief zerfetzt, mit Klebeband schließen will und sich hoffnungsvoll verheddert), der schön albernen Maja Beckmann als Clarice, der herrlich tragikomischen Xenia Snagowski als Smeraldina, dem schmierigen Paten Jürgen Hartmann als Pantalone.

Aber es fehlt ein Spannungsbogen, Bösch findet zu keiner Erzählung. Am Ende ist das dem Zuschauer egal. Er wartet auf den nächsten Knall, den nächsten Schlager.

8., 14., 20., 26.12., 6., 17., 25.1.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55, www. schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare