Eine Trutzburg der Demokratie

Das Werk des Architekten Arne Jacobsen im Forum Castrop-Rauxel

Forum Rathaus Castrop Rauxel
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Ein Zeugnis des Aufbruchs in der Moderne: Das Forum von Arne Jacobsen und Otto Weitling in Castrop-Rauxel.

Castrop-Rauxel – Wenige Menschen werden Liebe auf den ersten Blick empfinden, wenn sie vor dem Rathaus-Komplex von Castrop-Rauxel stehen. Als Arne Jacobsen und Otto Weitling den fünf Hektar überspannenden Komplex aus Beton und Glas planten, da zeichnete sich der Niedergang des Bergbaus zwar schon ab. Aber es steckten doch noch Aufbruchstimmung und Geld im Revier. So entstand in den 1970er Jahren ein Ensemble buchstäblich auf der grünen Wiese, irgendwie schon mitten in der Stadt, aber eben ohne Anschluss an die alte Bebauung.

Vor allem von außen lädt das Ensemble nicht gerade ein. Hohe Ziegelwände schirmen es ab. Es wirkt wie eine moderne Burg. Wer vermutet in diesem Ort schon ein Ziel für Architektur-Touristen? Aber es ist so. Bürgermeister Rajko Kravanja berichtet, dass er immer wieder Busse sieht, die Schaulustige herschaffen. In den nächsten Wochen sollen es noch ein paar mehr werden. Denn eine Ausstellung im Foyer des Ratssaals stellt sie vor: „Gesamtkunstwerke – Architektur von Arne Jacobsen und Otto Weitling in Deutschland“.

Jacobsen (1902–1971) ist hierzulande vor allem als Designer berühmt. Sein Modell „Serie 7“ aus geformtem Schichtholz mit Metallbeinen ist der meistverkaufte Stuhl aller Zeiten. Seine Leistungen als Architekt hingegen sind hierzulande nur bei Fachleuten bekannt, erläutern die Kuratoren Hendrik Bohle und Jan Dimog. Dabei gehört der dänische Baumeister zu den Hauptvertretern des Modernismus. Nach einer Steinmetzlehre hatte er studiert und bis in die 1940er Jahre erfolgreich gearbeitet. 1942 wurde das Rathaus von Aarhus fertig, das er entworfen hat. Dann besetzten die Deutschen Dänemark. Wegen seiner jüdischen Herkunft war er in Gefahr, er floh nach Schweden. Gleichwohl blieb er Deutschland verbunden. Das Bauhaus und der Architekt Mies van der Rohe waren Haupteinflüsse für ihn. Und schon in den 1950er Jahren übernahm er Projekte in Deutschland. 1964 wurden Design-Objekte von ihm auf der documenta in Kassel gezeigt.

Er schuf ikonische Bauwerke wie die Atriumhäuser in Berlin, das Glasfoyer für die Herrenhäuser Gärten in Hannover, das 44 Meter hohe Verwaltungsgebäude der Hamburgischen Electricitätswerke (heute Vattenfall). Die Schau ist als Wanderausstellung konzipiert für die jeweiligen Standorte der Gebäude, und es wird angestrebt, sie jeweils in Jacobsen-Architektur zu präsentieren.

Castrop-Rauxel ist da ein Glücksfall. Der 1976 fertiggestellte Komplex, nach dem Tod des Architekten von seinem Büropartner Weitling fertiggestellt, ist auch innen weitgehend original erhalten. Das 250 Meter lange Ensemble, dessen Bauten einen Platz umschließen, ist als vielseitiger Ort der Begegnung entstanden. Hier sitzt nicht nur die Stadtverwaltung, hier spielt auch das Westfälische Landestheater. Der Architekt plante ein Restaurant, das zur Zeit nicht betrieben wird. Der weitläufige Platz zwischen den Bauten soll eigentlich für Feste und kulturelle Veranstaltungen dienen. 80 Millionen D-Mark kostete seinerzeit der Komplex. Er war geprägt von einem modernen Denken. Als „Trutzburg zur Bewahrung der Demokratie“ beschreibt ihn die Castrop-Rauxeler Stadtbaurätin Bettina Lenort. Der abgesenkte Ratsaal zum Beispiel ist durch die Glasfront schon von außen einsehbar. 17 Zugänge gibt es – in Corona-Zeiten eine Herausforderung für einen pandemiekonformen Betrieb der Verwaltung. Der Komplex liegt über einer Tiefgarage: In den 1970er Jahren plante man die Stadt noch autogerecht. Und wenn man mit unvoreingenommenem Blick auf den Komplex schaut, sieht man auch die Schönheit zum Beispiel der von Betonpfeilern rhythmisierten Glasfassaden, deren Dächer sich wie Zeltbahnen in den Raum schwingen. Alles ist offen und zugänglich.

So zeugt das Europa-Forum eben auch von seiner Entstehungszeit. Seit 2010 steht es unter Denkmalschutz. Die Erhaltung von Bauten der Nachkriegszeit wird heute oft infrage gestellt. Bei aller Durchdachtheit entspricht auch Jacobsens Komplex nicht mehr in jeder Hinsicht heutigen Ansprüchen. So erzählt Kravanja, dass im Sommer in Büros 38 Grad erreicht werden. In der Tiefgarage gibt es Wassereinbrüche. Auch an anderen Stellen gibt es erheblichen Sanierungsbedarf. Fachleute kalkulieren mit einem dreistelligen Millionenbetrag, um den Komplex in jeder Hinsicht auf den aktuellen Stand zu bringen.

Viele modernistische Nachkriegsbauten sind inzwischen renovierungsbedürftig. Es geht ihnen nicht anders als mittelalterlichen Kirchen: Auch am Kölner Dom wird praktisch durchgehend restauriert. Bei den modernen Bauten aber wird viel schneller vorgeschlagen, sie für Neubauten abzureißen. Das sei billiger, heißt es oft. Peter Köddermann von der Baukultur Nordrhein-Westfalen, die die Schau mitveranstaltet, findet es wichtig, die Augen zu öffnen für den Erinnerungswert dieser Architektur. Die Ausstellung, die jeweils in einem markanten Beispiel präsentiert wird, soll das Bewusstsein für den Wert der Objekte schärfen. Vielleicht fließen irgendwann auch Zuschüsse von Land und Bund, um das Europa-Forum nicht nur zu erhalten. Das kann die Stadt leisten, versichert der Bürgermeister. Sondern um es auch so herzurichten, dass es wieder zum voll funktionierenden Bürgertreffpunkt wird.

Bis 4.11., mo – mi 10 – 18, do bis 19 Uhr, außerdem 12.9. (Tag des offenen Denkmals), 10., 24.10. 11 – 18 Uhr, www.gesamtkunstwerke.eu, www.baukultur.nrw/gesamtkunstwerke

Katalog, Arnoldsche Art Publishers, Stuttgart, 38 Euro

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