„Das nackte Leben“: Münster zeigt Malerei in London von Bacon, Freud, Hockney

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Unverhüllt und doch nicht entblößt: Lucian Freud schuf sein einfühlsames und respektvolles Porträt von „Esther“ 1980. Zu sehen ist es in der Münsteraner Schau „Das nackte Leben“.

Von Ralf Stiftel MÜNSTER - Entspannt liegt „Esther“ auf den Kissen. Sie blickt zur Seite, ruht in sich. Beim Betrachten von Lucian Freuds Portrait kommt man sich trotzdem nicht wie ein Spanner vor, obwohl ihr Körper unverhüllt dargestellt ist. Freud zeigt in seinem Gemälde von 1980 Respekt vor seinem Modell, obwohl er die junge Frau nicht idealisiert. Wenn man wissen will, was das „nackte Leben“ bedeuten kann, dann sollte man auf dieses Bild schauen.

Wer eine Ausstellung so betitelt – „Das nackte Leben“ – , der weckt im Besucher Erwartungen. Das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster erfüllt sie in seiner ersten großen Sonderausstellung. Es gibt nicht wenige Akte zu sehen. Museumsdirektor Hermann Arnhold beteuert allerdings, dass es genau darum nicht gehe. Der Titel stehe vielmehr für die Unmittelbarkeit und die Wahrhaftigkeit, die die präsentierten Künstler anstrebten.

In Münster richtet sich von Samstag an der Blick auf die britische Kunst zwischen 1950 und 1980. Große Namen locken: Freud, Francis Bacon, David Hockney, Richard Hamilton. Mit spektakulären Leihgaben aus großen Museen in London, Paris, New York, Canberra wird eine Künstlergruppe vorgestellt, die manchmal als „School of London“ bezeichnet wird. Tanja Pirsig-Marshall, die die Schau mit der britischen Kunsthistorikerin Catherine Lampert kuratierte, lehnt den Begriff ab. Eine Gruppe im Sinn eines Vereins waren die 16 Maler, von denen rund 120 Werke zu sehen sind, nicht. Eher ein loser Freundeskreis. Michael Auerbach porträtierte diese Szene in seinem Bild „Colony Room I“ (1962): Im Pub sitzen Freud, Bacon, dessen Freund John Deacon und einige weitere zusammen. Man tauschte sich aus, regte sich an, porträtierte sich. Frank Auerbach malte 1954 den Kopf von Leon Kossoff, William Coldstream 1976 Freud, beide Bilder hängen in der Schau. Aber Jeder achtete auf Eigenständigkeit – einen gemeinsamen Stil strebten sie nicht an.

Das Haus zeigt mit dieser Themenausstellung seine Stärken. Die meisten Künstler sind in Deutschland noch kein Begriff. Dass Stars wie Bacon und Freud nun in einen Kontext gesetzt werden, dass das Londoner Netzwerk nun in höchst qualitätvollen Werken sichtbar wird, das gibt der Schau einigen Mehrwert. Man findet eben nicht nur rund zehn Werke von Bacon, Freud, Hockney und Hamilton, darunter einige erstmals. Hockney hatte sein wundervoll lichtes Großformat „George Lawson and Wayne Sleep“ in den 1970er Jahren gemalt und dann im Atelier mehr oder weniger vergessen. Jetzt hat es Ausstellungspremiere. Und es sind überaus individuelle Positionen zu entdecken, die von der Expressivität Bacons über die Pop-Art Hamiltons bis zu kühlen Konstruktionen eines Euan Uglow reichen.

Zugleich kann man erkennen, wie relativ Kunstgeschichte verläuft. Im Westen des Kontinents war die Nachkriegskunst von der Abstraktion geprägt. Man sah Werke von US-Malern wie Pollock, Newman, Rothko als Ausdruck der Freiheit und strebte dem nach, namentlich im Informel. Die Londoner gaben den Gegenstand nicht auf. Schon Bacon erregte früh Aufsehen. Will Grohmann, ein Verfechter der Abstraktion, gab bei ihm zu: „Auch die gegenständliche Malerei kann aktuell sein...“

In Münster lässt sich studieren, wie radikal die Londoner ihre Vorstellungen realisierten. Einige Künstler arbeiteten dabei an der Grenze der Lesbarkeit. Frank Auerbach zum Beispiel füllt die Leinwand mit dicken Schichten aus Farbcreme, die zunächst wie formlose Gesten wirken, wie ein Farbrelief ohne Motiv. Aber bei genauem Hinsehen erkennt man den liegenden Akt in „E. O. W. on her Blue Eiderdown VI“ (1963). Manchmal hilft es, einen Schritt zurückzutreten, um Leon Kossoffs „Head of Mother“ (1965) oder die „York Way Railway Bridge“ (1966/67) zu entschlüsseln.

Francis Bacon wurde vorgeworfen, er male zu erzählerisch. Während zum Beispiel Lucian Freud immer vor dem Modell oder dem Motiv arbeitete, griff Bacon konsequent auf Vorlagen zurück. Er schuf Papst-Porträts nach Kunstpostkarten mit Velázquez-Reproduktionen und Porträts nach Fotos. Aber bei den Londonern wurde das Aufgreifen der Wirklichkeit, das Einarbeiten von Vorbildern fruchtbar. Michael Andrews malte 1962 „The Deer Park“ in Anlehnung an Norman Mailers gleichnamigen Roman. Er skizzierte damit aber die Welt der Clubs von Soho, arbeitete eine Landschaft nach Velázquez ebenso ein wie Porträts von Marilyn Monroe und Brigitte Bardot.

Und die Künstler stellten sich der Politik: Im „Portrait of Hugh Gaitskell as a Famous Monster of Filmland“ (1964) verunglimpft Richard Hamilton den 1963 verstorbenen Labour-Politiker, weil der verhindert hatte, dass seine Partei für ein Atomwaffenverbot eintrat.

Die Schau ist in sechs thematische Räume gegliedert, die zum Beispiel dem Umgang der Künstler mit dem Material, ihrer Auseinandersetzung mit klassischen Gattungen und ihrer Arbeitsweise gewidmet sind. Hier sieht man in einer Vitrine einige der Fotos, nach denen Bacon malte, manchmal riss er alles Überflüssige ab, so dass nur eine Figur blieb. Hier sieht man Skizzen und Zeichnungen von Auerbach und Kossoff. Und zu Euan Uglows Bild „Flour Man“ ist das Modell ausgestellt, eine Plastik-Werbefigur von 1964.

Uglow liefert auch mit „The Diagonal“ (1971-77) das Plakatmotiv der Ausstellung. Man sieht eine nackte Frau auf einem Klappstuhl. Sie hat erkennbar die Muskeln angespannt, der Körper berührt den Stuhl nur an zwei Stellen. Das sieht ästhetisch aus – aber der Künstler wollte, wie der Bildtitel schon sagt, vor allem eine ungewöhnliche Diagonale darstellen. Wenn man genau hinsieht, findet man im Bild Punkte und Hilfslinien, die den konstruktivistischen Charakter des Werks betonen. „Es hätte auch ein Brett sein können“, sagte Uglow. Aber ein Mädchen sei interessanter. Und diese irgendwie sehr britisch ironische Doppeldeutigkeit zeigt eine andere Facette des „nackten Lebens“.

Das nackte Leben im LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster. 8.11.–22.2.2015, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0251/ 590 701, www.lwl-museum-kunst-kultur.de; Katalog, Hirmer Verlag, München, 27 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro

Quelle: wa.de

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