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Das Museum unter Tage Bochum zeigt Werke des Lichtkünstlers Adolf Luther

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Von: Ralf Stiftel

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Ausstellung Adolf Luther Museum unter Tage Bochum
Spiegel, Wände und Scherben: Das Glas betrachtete Adolf Luther als Lichtmedium, wie die Ausstellung im Bochumer Museum unter Tage zeigt. © Ralf Stiftel

Bochum – Den Zaubermoment kann keine Fotografie wiedergeben. Da tritt man vor das „Hohlspiegelobjekt“ von Adolf Luther, etwas näher noch, und auf einmal bildet sich eine Art Film im Raum. Was man sieht, löst sich von der Oberfläche der vielen Spiegel, scheint im Raum davor zu schweben wie ein Hologramm. Dabei ist keine Technik im Spiel und keine Magie. Luther überlistet die Sinne, weil die vielen Spiegel das Gehirn überlasten. Die vielen sehr ähnlichen, in Details aber abweichenden Spiegelungen fügt es zu einer Fata Morgana zusammen, einem Raumbild, das nicht technisch, sondern in der Psyche entsteht.

Ob das immer funktioniert, kann man in der Ausstellung „Adolf Luther – Licht“ im Bochumer Museum unter Tage überprüfen. Die umfassende Werkschau entstand in Zusammenarbeit mit der Adolf-Luther-Stiftung in Krefeld.

Adolf Luther (1912–1990), in Krefeld geboren, nimmt eine Ausnahmestellung in der deutschen Nachkriegskunst ein. Seine kinetischen Skulpturen und Spiegelinstallationen sind in zahlreichen Museen, aber auch in öffentlchen Gebäuden zu finden wie dem alten Bundeskanzleramt in Bonn, der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg, der Tonhalle in Düsseldorf, der Ruhr-Universität Bochum, für die deutschen Botschaften unter anderem in London und Brasilia. Und das, obwohl er Autodidakt war und seine künstlerische Tätigkeit relativ spät begann, um 1960.

Der promovierte Jurist hatte seit seiner Kindheit musische Neigungen. Er arbeitete aber nach einer entsprechenden Lehre zunächst als Beamter in Essen. In den 1930er Jahren studierte er Violine und Klavier, gab das aber wieder auf, weil er sich nicht für begabt genug hielt. 1939 wurde er zur Westfront eingezogen. Er ließ sich beurlauben, um seine Promotion abzuschließen. Nach dem Krieg begann er eine Karriere als Jurist, malte aber zeitgleich. 1957 gab er seine Stelle als Richter in Düsseldorf auf, um freier Künstler zu werden. In den 1950er Jahren malte er, anfangs im Banne von Picasso, später abstrakt im Stil des Informel. Diese Arbeiten sah er aber als gescheitert an.

Die Ausstellung setzt ein mit den „Materiebildern“, mit denen er 1960 eine Ausstellung im Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld hatte. Diese überwiegend monochromen Arbeiten bekunden sein Interesse am Licht. Insbesondere die schwarzen Arbeiten sprengen die Grenzen der herkömmlichen Malerei. Luther schichtet und verstreicht einen Brei aus Kreidestaub, Pigment und Öl als dichte Schicht auf Hartfaserplatten. Die Grate und Täler fangen das Licht ein, werfen Schatten, und erst dadurch entsteht ein Bild, etwas Sichtbares.

Luther hat immer den Kontakt zu Kollegen gesucht. Um 1960 lernte er den Maler Herbert Zangs kennen. Er hatte Kontakt zu Jean Tinguely, er freundete sich mit Günther Uecker an. In der Ausstellung ist ein Gemeinschaftswerk der beiden von 1972 zu sehen, das Linsenobjekt, bei dem unter jeder Glaslinse die Spitze eines wuchtigen Nagels zu erkennen ist. In einem Saal werden Arbeiten aus Luthers Kunstsammlung gezeigt, die das geistig-ästhetische Umfeld dokumentieren, in dem er sich entwickelte. Hier sieht man ein „Empaquetage“ (1963) von Christo, ein Relief von Pol Bury, drei Raumkonzepte von Lucio Fontana, ein Achrome von Piero Manzoni, Werke von Duchamp und Man Ray.

Eine wichtige Inspiration, gerade auch in der Auseinandersetzung mit dem Licht, war Yves Klein. Anders als der französische Künstler sah Luther aber das Licht nicht als transzendentes Thema. Ihn interessierten physikalische Eigenschaften. Aber von Klein inspiriert war eine Kunstaktion, wie sie in jenen Aufbruchsjahren öfter inszeniert wurden. 1961 erdachte er das Arrangement der „Aktion Flaschenzerschlagen“, 1968 wurde sie in einer Düsseldorfer Galerie erstmals realisiert. In Bochum können beherzte Besucher in einem Nachbau Flaschen gegen eine Stahlplatte schleudern, so dass sie zersplittern. Im Moment der Zerstörung bricht sich das Licht in den Scherben, darauf kam es Luther an.

Der Künstler befasste sich nun ausführlich mit Glas. Eine große Lichtschleuse (1970er Jahre) besteht aus einer Glasplatte voller Sprunglinien, die das normalerweise durchsichtige Material mit einer Linienstruktur durchziehen. Schon vorher hatte er „Entmaterialisierungen“ geschaffen, Tafeln, die er nicht ganz so pastos bemalte wie die Materiebilder, aber auf denen die Farbe wogte in einer Art Wellenstruktur. Einige hat er in Gestänge montiert, so dass sie in Drehung versetzt werden konnten, wodurch das Licht auf der Oberfläche spielte.

In ähnlicher Weise setzte er dann Glasarbeiten um, indem er zwischen zwei Scheiben Glasfluss, Scherben oder Brillengläser fixierte. Das Licht wurde sichtbar gemacht. Immer größer, immer ausgefeilter werden die Arbeiten, für die er anfangs auch noch andere Materialien nutzte wie in den „Raumblenden“ aus Aluminium (1962/63). Dann aber die Arrangements aus Hohlspiegeln, serielle Tafeln, die übermannshoch werden konnten, die unterschiedliche Formen kombinierten, die manchmal mit Beleuchtung hinterlegt wurden. Aus den Elementen lässt sich auch ein Raumteiler machen, wie die „Integration Sphärisches Hohlspiegelobjekt (Sinuskurve)“ (1984) zeigt. Hier erlebt man die erstaunlichsten optischen Phänomene, Kipp-Punkte beim Nähertreten, wenn das aus der Ferne kopfstehende Spiegelbild umschlägt und man sich selbst unvermittelt „normal“ erblickt. Hier führt Luther einen Dialog mit dem Betrachter, der in den Objekten immer auch erscheint, ein Voyeur, der mit seiner Selbstverliebtheit konfrontiert wird.

Zwei raumfüllende Installationen sind im Museum zu sehen. In einem Raum durchschneiden rote Laserstrahlen das Dunkel und brechen sich in Spiegeln. Rauch macht die Strahlen sichtbar. Eine zweite Arbeit besteht aus liegenden, von oben beleuchteten Hohlspiegeln. Auch hier gibt Kunstnebel dem Licht eine Körperlichkeit. Erneut eine Gelegenheit, sich in diesen physikalischen Wunderkammern verblüffen zu lassen.

Bis 10.4.2023, mi – fr 14 – 18, sa, so 12 – 18 Uhr,

Tel. 0234/ 322 8523

www.situation-kunst.de

Katalog, Hirmer Verlag, München, 39 Euro, im Buchhandel 69 Euro

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