Stimmen im Kopf von Schmerz und Verzweiflung

„Das Mrs. Dalloway Prinzip/4.48 Psychose“ in Dortmund

Szene aus Das Mrs. Dalloway Prinzip/4.48 Psychose in Dortmund
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Vielstimmiger Monolog-Chor: Szene aus „Mrs. Dalloway“ in Dortmund mit Christopher Heisler (vorn) sowie Linda Elsner, Raphael Westermeier, Nika Miskovic, Bettina Engelhardt und Adi Hrustemovic (von links). Foto: Hupfeld

Dortmund – Stimmen im Kopf. Verzweiflung und Schmerz. Einmal listet Sarah Kane Diagnosen und Medikamente auf – Sertralin, Zopiclon, Lofepramin, Citalopram – und Nebenwirkungen. Nika Miskovic trägt das am Schauspiel Dortmund nüchtern und kalt vor. Die englische Dramatikerin Kane verarbeitete kurz vor ihrer Selbsttötung 1999 noch im Monolog „4.48 Psychose“ ihre Depressionen. Das Ich ist gefangen in emotionalen Zwängen. Nachts um 4 Uhr 48 hat sie einen Moment der Klarheit und denkt daran, das Leben zu beenden. Christopher Heisler instrumentiert den Monolog fein mit emotionalen Zwischentönen. Er spricht ins Gefühlszentrum des Zuschauers.

Die Regisseurin Selen Kara macht aus Kanes letztem Stück eine Sprechchoreografie der Stimmungsschwankungen. Sie lässt das Ensemble schnelle und lange Wortfolgen voller Gewalt skandieren. Dann wieder gibt es heitere, lichte Passagen, in denen Heisler und Linda Elsner die letzten Fragen geradezu euphorisch verhandeln, als ginge es um ein tolles Fest.

Vor sieben Jahren hat Kay Voges in Dortmund aus „4.48 Psychose“ als multimediales Spektakel realisiert. Selen Kara konzentriert sich auf die sieben Darsteller, die auf der Drehbühne zwischen Selbsterkenntnis und fiebrigen Schüben dahintreiben. Das Bühnenbild von Lydia Merkel ist wie ein Schachbrett gestaltet, die Darsteller tragen schwarze und weiße Kleidung. Die Kostüme (Anna Maria Schories) mit ihren expressiv die Körperkontur verändernden Aufsätzen machen die Entfremdung äußerlich sichtbar. Die Zwänge der Krankheit werden im strengen Spiel nachgebildet.

Kara inszeniert aber nicht allein Kanes Drama, sie kombiniert es mit der Dramatisierung von Virginia Woolfs Roman „Mrs. Dalloway“, das den Abend eröffnet. Auch hier befragt sich ein Ich über Leben, Sterben und Identität, was Geschlechteridentität mitmeint. Auch hier gibt es Traumata, Schuldgefühle, sogar den Selbstmord des Kriegsveteranen Septimus Warren Smith. Auch diesen Text formt die Regisseurin zu einer kollektiven Erzählung, verteilt auf alle Darsteller. Hier gibt es freilich eine Erzählerin (Linda Elsner), die anfangs auf einem Spielbrett Figuren führt, denen auf der Bühne die Personen der Geschichte entsprechen. Clarissa, die Titelheldin, eine Vertreterin des gehobenen Bürgertums, mäandert durch einen Tag. Ihre Gedanken gleiten von der Zweckehe mit Richard zu Peter, den sie liebte, zu Sally, die sie küsst. Und wenn sie einen Faktenschub brauchen, dann reißen sie ein Manuskriptblatt oder einen Brief vom Papierbaum.

Was mag das „Mrs. Dalloway Prinzip“ sein, das der Bühnenversion den Titel gibt? Auch in dem 1925 veröffentlichten modernen Klassiker der englischen Literatur verliert ein Ich seine Sicherheit, seine Struktur. Zwar geht es hier um Leben und Tod nicht für die Titelheldin, der Bettina Engelhardt eine fein kapriziöse Figur verleiht. Aber ihre Existenz ist gleichwohl ernsthaft in Frage gestellt. Bis in kleine Details führt die Regie die Stücke parallel, sei es in der Bildlichkeit des Brettspiels, sei es zum Beispiel in dem kleinen Tanz, den Adi Hrustemovic und Engelhardt als Ehepaar mit flinken, synchronen Schritten auf der Stelle ausführen und der sich so exakt in „4.48 Psychose“ wiederholt. Rituale, Zwänge, Regeln, auch psychische Schübe werden verbildlicht im chorischen Gruppenspiel, zum Beispiel, wenn das Ensemble von „diesem Hass“ wieder und wieder skandiert. Dazwischen gibt es kleine Kabinettstücke wie die schaurigen Medizinerfiguren, die Nika Miskovic verkörpert. Den Dr. Holmes, der Septimus mehr quält als therapiert, spielt sie vornübergebeugt, reptilig, mit Altmännerstimme. Und in einer Szene verkörpert sie zwischen zwei Figuren zugleich, einfach durch geänderte Haltung und einen Tonwechsel.

Dieser Abend mit seiner erkennbaren Spielidee und einem animierten, gut harmonierenden Ensemble weckt Neugier. Im neuen Schauspielteam deutet sich einiges Potenzial an.

13., 14.10.,

Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

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