„Das Leben ist kein Fahrrad“ am Schauspielhaus Bochum

+
Einsam am Sterbebett des Vaters: Szene aus „Das Leben ist kein Fahrrad“ mit Xenia Snagowski und Dieter Hufschmidt. ▪

Von Anke Schwarze ▪ BOCHUM–Drei Menschen hocken in der Notaufnahme, eine Frau, um die 40 Jahre alt, und ein Paar, bestehend aus einem Teenager und einem blutig geschlagenen Mann. Die ältere Frau zittert. Die Jüngere legt ihr den Schal ihres Freundes um. Als die Ältere den Schal später zurück geben möchte, winkt die Jüngere ab. Eine kleine Geste des Mitgefühls in einer neonröhrenkalten Welt.

„Mitgefühl muss nicht organisiert sein, es kann selten und sporadisch sein. Aber es muss es geben“, sagte Biljana Srbljanovic in einer Rede am Wiener Burgtheater. Die Einladung dazu erhielt sie, als sie ihren kranken Vater in die Notaufnahme des Belgrader Militärkrankenhauses brachte. Die Erlebnisse von diesem Moment bis zum Tod ihres Vaters verarbeitete sie in dem Theaterstück „Das Leben ist kein Fahrrad“. Das Stück entstand als Auftragswerk für das Schauspielhaus Bochum und wurde in dem Kammerspielen uraufgeführt.

Anselm Weber inszeniert in einem grauweißen Niemandsland, beleuchtet von Neonröhren auf dem Boden. Zwischen diesen Röhren, zwischen zwei Krankenhausbetten, einem Stahlkühlschrank und einer Sofalandschaft irren die Darsteller umher, auf der Suche nach menschlicher Nähe. Auf der linken Seite fordert die Dicke Bestätigung vom ältlichen Geschäftskumpan ihres Vaters. Rechts buhlt der Arzt Aleksa um die Aufmerksamkeit seiner Politiker-Mutter. Mitten auf der Bühne liefern sich Nadežda und ihr Vater kindergartenreife Streitgespräche, unterbrochen von zärtlichen Annäherungsversuchen der Tochter. In diesem Paar spiegelt Biljana Srbljanovic die Beziehung zu ihrem Vater. Das Streitmuster von Nadežda und „Papa“ hämmert sie den Zuschauern regelrecht ein. Viele Sätze entstammen realen Dialogen zwischen Vater und Tochter. Ihre Wiener Rede zitiert die Schriftstellerin an mehreren Stellen ihres Stücks. Das lässt das Schauspiel stellenweise etwas papieren wirken, ebenso wie die Anspielungen auf die von Kriegen zerrissene Geschichte Serbiens. Während Srbljanovics patriarchalischer Vater im Krankenhaus liegt, stirbt der serbische Patriarch Palve, offizieller Befürworter der bosnisch-serbischen Führung. Filmaufnahmen von seiner Beerdigung flackern im Hintergrund über die Bühne, ebenso Ausschnitte aus dem jugoslawischen Partisanenfilm „Das ist Walter“.

Srbljanovic führt eine harte Anklage gegen die Unmenschlichkeit ihres Landes, gegen machtgeile Politiker oder unbarmherzige Ärzte, die psychisch kranke Soldaten zurück zur Armee schicken und Menschen einsam sterben lassen. Belebt wird ihre Kritik durch die Leistung der Schauspieler. Sie akzentuieren den Text, zelebrieren die Wortspiele. Dieter Hufschmidt kriecht förmlich in die Figur von „Papa“, eines Mannes, der sein Leben lang kerngesund war und nun, dahin siechend, im Ansatz jeder Bewegung stecken bleibt. Er mimt den Altersstarrsinn so überzeugend wie die Angst vor dem Tod. Xenia Snagowski spielt kongenial seine Gegenspielerin Nadežda. Manchmal kann sie ihre Wut auf den Vater nur beherrschen, indem sie beinahe in eine Stuhlkante beißt. In einem anderen Moment schleicht sich ihre Hand über die Bettdecke zu seinen Fingern.

Kristina-Maria Peters lockt, schmollt und posiert als frühreife „Dicke“ in Lolita-Manier, ohne zu überspielen, wie einsam und verletzt sich diese Figur fühlt. Ihr Pendant Ropac wird von Jürgen Hartmann als Schlemihl mit Herz interpretiert. Anke Zillich und Andreas Grothgar sind ein herrlich ätzendes Mutter-Sohn-Gespann: Sie eine Karriere-Schreckschraube, er ein trotteliges Mutter-Söhnchen, der sich erst aufrichtet, wenn er seine Patienten anpöbeln kann. Meentje Nielsens Kostüme unterstreichen die Tatsache, dass hier weniger Individuen als Typen inszeniert werden – die erfolgreiche Tochter in schickem Trench und modischen Kniestiefeln, der ausgediente Vater im zu engen und abgetragenen Mantel, die Karrieristin im maskulinen Kostüm, die Dicke in aufreizender Leggins aus Goldlamé. Jeder von ihnen ein Einzelkämpfer in einer Gesellschaft, die Srbljanovic zu den unsolidarischen zählt. Nur einen Lichtblick gönnen sie und Weber sich, den Schal, den die Dicke am Ende der trauernden Nadežda überlässt.

6., 11., 28. 12.; 8., 20., 29. 1.

Tel 0234 / 33 335555, www. schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare