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Das Emil Schumacher Museum würdigt seinen Stifter Ulrich Schumacher

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Von: Ralf Stiftel

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Andreu Alfaros Skulptur „Catorze Quadrats“ (1974) im Emil Schumacher Museum Hagen
Einen visuellen Rhythmus entwickelt Andreu Alfaro mit der Skulptur „Catorze Quadrats“ (1974). Im Hintergrund Gemälde von Karl Gerstner und Jakob Weder. Foto: Stiftel © Ralf Stiftel

Hagen – Das Quadrat ist unter den geometrischen Figuren eine der einfachsten. Welche Fülle Kunst entfalten kann, die vor allem mit diesem Format, dieser Form arbeitet, das zeigt die Ausstellung „Konkret!“ im Emil Schumacher Museum Hagen. Da sind die „Homages to the Square“ von Josef Albers, die Quadrate übereinanderschichten zu delikaten Farbakkorden. Der US-Amerikaner Al Held wiederum füllt das quadratische Bildformat seines Gemäldes „Wind Creek 2“ (1991) mit einer surreal anmutenden Szenerie aus geometrischen Gebilden in klaren kräftigen Farben. Mary Martin baut aus kleinen Stahlspiegeln ein Relief mit quadratischem Grundriss, das auf der Spitze steht und die Form in ein Raster, ein Mosaik auflöst („Compound Rhythms“, 1966).

Alle diese Werke, und viele weitere, gehören zur Sammlung des Josef Albers Museum Quadrat in Bottrop. Dort aber waren sie lange nicht zu sehen. Das ermöglicht nun die Ausstellung „Konkret! Hommage an Ulrich Schumacher“ im Emil Schumacher Museum in Hagen.

Der Anlass ist traurig: Im April starb im Alter von 79 Jahren Ulrich Schumacher. Der Sohn des Hagener Malers Emil Schumacher hat 2009 seiner Heimatstadt wohl das größte Geschenk gemacht, das sie je erhielt: Er brachte rund 500 Werke seines Vaters in eine Stiftung ein, die das Emil Schumacher Museum bestückt. Rouven Lotz, neuer Direktor des Hauses, fand es zu einfach, an den Verstorbenen einfach mit einer weiteren Schau mit Bildern Emil Schumachers zu erinnern.

Ulrich Schumacher hatte zuvor ja ein produktives Leben geführt. Der promovierte Kunsthistoriker hatte von 1976 an als Kurator für moderne Kunst in Bottrop gearbeitet. Als 1983 das Josef Albers Museum eröffnet wurde, wurde er der erste Direktor und blieb es bis 2003. In dieser Zeit kümmerte er sich nicht nur um die Bestände mit Werken von Albers, er organisierte auch zahlreiche Wechselausstellungen, die Künstlern mit einem gewissen Bezug zum Namenspatron des Instituts hatten. Und er baute eine Sammlung auf mit Ankäufen, aber auch Schenkungen. Vielen Künstlern gefiel, wie sie in Bottrop auftreten durften. Sie überließen dann dem Haus ein Kunstwerk. So entstand eine umfangreiche und hochkarätige Sammlung, die eigentlich an ihrem Standort nie zu sehen war. Der Platz dafür fehlte, wenn man eben Albers ausführlich zeigen und nebenher noch Wechselausstellungen zeigen wollte. Zur Zeit entsteht ein Erweiterungsbau, der diesem Mangel abhilft. Appetit darauf macht nun die Hagener Ausstellung mit einem Querschnitt von mehr als 50 Werken, die die Bandbreite der nichtgegenständlichen Kunst vermittelt, die eben nicht vom Gegenstand abstrahiert, sondern die eine besondere Ästhetik aus eigenständigen Grundformen, aus geometrischen Prinzipien entwickelt. In guter Kooperation konnte Lotz frei aus dem reichen Bestand wählen, um die eigenständige Lebensleistung Ulrich Schumachers zu würdigen.

Die Bottroper Sammlung bietet einen anregenden, thematisch orientierten Querschnitt durch die Kunstgeschichte. Einige Werke führen in die Frühzeit der nichtfigurativen Kunst. Einige Arbeiten sind sogar abstrakt und nicht konkret. Schon der Titel „Häuser im Abendlicht – Opus 15“ (1923) zeigt, dass der belgische Maler Victor Servranckx von der Realität ausging, und den Farbfeldern haftet noch die Erinnerung an Fassaden und Dächer an. In der Komposition „Rahmen und Leiter III“ (1939) von Boris Kleint mit ihrer kleinteiligen Struktur, die Kreise, Dreiecke, Rechtecke über die Fläche verteilt wie Bauklötze, erkennt man den Einfluss von Wassily Kandinsky. Adolf Fleischmanns „Graues Oval“ (1951) wiederum greift Formen des „Stijl“ auf.

Zur Sammlung gehören einige wichtige Schweizer Künstler wie Fritz Glarner, in dessen „Projekt für ein Relational Painting Nr. 102“ (1963/64) Mondrian nachhallt. In Arbeiten von Camille Graeser und Richard Paul Lohse werden Quadrate in Streifen aufgeteilt. Man findet in der Sammlung Spiegelobjekte von Adolf Luther und eine dieser augenverwirrenden Konstruktionen des Op-Art-Malers Victor Vasarely („Gest-Féry“, 1969/74). Der italienische Künstler Marcello Morandini baut in seiner „Struktur 209/1974“ ein Relief aus übereinander gestapelten quadratischen Holztafeln, auf die er wiederum abwechselnd in schwarz und weiß Quadrate malt, alle aber etwas geneigt, sodass sich der irritierende Eindruck einer kantigen Spirale ergibt.

Auch die ungarische Malerin Dóra Maurer gestaltet ihre Bilder als Objekte. Ihre Arbeit „Gebogene Fläche, fliegend“ (1997) hat sich vom rechteckigen Format gelöst. Man scheint auf eine mit Rechtecken bedeckte Fläche zu blicken, vielleicht einen Bogen Papier, der aber gebogen ist. Die perspektivische Malerei entfaltet hier in der Abstraktion einen ironischen, illusionistischen Zauber.

An solchen visuellen Effekten ist die Schau reich. Andreu Alfaro reiht 14 auf eine Kante gestellte quadratische Rahmen aus Messing versetzt hintereinander („Catorze Quadrats“, 1974) und erzeugt einen optischen Rhythmus.

Jesús Rafael Soto spielt mit dem Quadratmotiv. In „Le Carré Blanc“ (1989) unterteilt er eine quadratische Grundform in kleinere Quadrate, von denen die meisten als kleine Aufsätze in den Raum ragen. Wir haben also kein Bild, sondern ein Relief, und der Wechsel der Ebene bricht das eigentlich streng durchgehaltene Regelmaß der geometrischen Form. Aus dem Nachlass des venezolanischen Künstlers hat Lotz eine weitere, monumentale Arbeit leihen können, die nicht zur Sammlung des Bottroper Museums gehört: Das „Pénétrable BBL Bleu Nr. 1/8“ (1999) ist ein raumgroßes Gestell, von dem blaue Plastikschnüre hängen. Man darf das Kunstwerk durchschreiten und der Veränderung der eigenen Wahrnehmung nachspüren.

Einer der unbekanntesten Maler Deutschlands ist auch vertreten. Günter Fruhtrunk schuf 1970 das markante Design der Aldi-Nord-Plastiktüte. Er malte oft farbstarke Kompositionen mit diagonal aufgesetzten Streifen wie das leuchtend rote „Suprematie“ (1974).

Von der britischen Malerin Bridget Riley hängt in Hagen das ebenfalls diagonal konstruierte Gemälde „Stream of Change“ (1987).

Bei allen Gemeinsamkeiten verblüfft die Vielfalt der Ideen und künstlerischen Mittel dieser konkreten Künstler. Zur Zeit stehen diese Arbeiten, die einst sehr populär waren, etwas im Schatten des Kunstbetriebs. Sehr zu Unrecht, wie die lebendige und anregende Hagener Übersicht belegt.

Bis 13.3.2022,

di – so 12 - 18 Uhr

Tel. 02331/ 207 31 38

www.esmh.de

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