„Das Ding“: Uraufführung bei den Ruhrfestspielen

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Martin Wißner, Janning Kahnert, Tim Grobe, Stefan Haschke, und Maria Magdalena Wardzinska (von links) in „Das Ding“. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ RECKLINGHAUSEN– Angewandte Chaostheorie: Wenn in China ein Sack Reis umfällt oder ein Sack Soja fehlt, dann wird in Deutschland auf Katrin geschossen. Weil alles miteinander zusammenhängt in der globalisierten Gegenwart, weil jeder halt sein Ding macht, weil doch sowieso niemand was ändern kann. Das bildet Philipp Löhle in seinem höchst unterhaltsamen Stück „Das Ding“ ab. Jan Philipp Gloger hat die Uraufführung im Theaterzelt der Ruhrfestspiele lebhaft inszeniert, eine Koproduktion mit dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg.

„Das Ding“ verwickelt verschiedene Handlungstränge zu einer komplexen Collage – und ist selbst eine Baumwoll-Flocke. Verzwirnt und zum Fußballtrikot verarbeitet in China. Verschwitzt in Deutschland von Patrick, zerschossen auf dem Körper von Katrin. Als Second-Hand-Lumpen zurück in Afrika bei der Tochter des Baumwollpflanzers, der es irgendwann einmal vom Strauch zupfte. Auf dieser Reise verbindet „Das Ding“ die groteske Fotografenkarriere des Beinahe-Fußballers Patrick (Martin Wißner) mit der Ehekrise seiner Schwester Katrin (Maria Magdalena Wardzinska) und seines Schwagers Thomas (Stefan Haschke). Katrin masturbiert neuerdings vor der Webcam und hat so den chinesischen Selfmade-Kapitalisten Li (Tim Grobe) auf sich aufmerksam gemacht. Der kauft eine Pistole von Beat (Janning Kahnert), der wiederum als Entwicklungshelfer in Afrika mit ökologischem Baumwollanbau gescheitert ist.

Fünf Stühle und drei Pappkartons mit ein paar Requisiten reichen als Ausstattung für dieses Welt-Bild (Bühne: Judith Oswald, Kostüme: Karin Jud). Die Episoden in China und Afrika werden reduziert auf ein allgemeingültiges Verhaltensmuster: Es geht ums Geldverdienen, um ein besseres Leben. Dafür kostümieren sich die Schauspieler nur oberflächlich, hier mit einer Perücke als Chinese, dort mit einer bestickten Kappe als Afrikaner.

Es wird großartig gespielt. Patricks Traum von der Bundesliga-Karriere gipfelt in einer Tor-Zeitlupe, für die es in Recklinghausen Szenenapplaus gibt. Stefan Haschke schraubt sich als Thomas in eine cholerische Tirade, in der er das Publikum auffordert, ihn im Chor als Schlappschwanz zu beschimpfen. Leiser agiert Maria Magdalena Wardzinska, die als Katrin mädchenhaften Charme und unromantischen Pragmatismus koppelt.

Viele bestechende Dialoge gibt es in diesen anderthalb Stunden. Wenn etwa der ehemalige Weltverbesserer Beat sich von Baumwollpflücker Siwa unfair behandelt fühlt („Ihr seid faul!“). Oder all die sinnfreien Interviews, die der etwas stoffelige Patrick über das Foto geben muss, dass er vor ein paar Jahren im Kinderzimmer seiner Schwester machte und das jetzt unter dem Titel „The Childhood“ in den großen Museen der Welt gezeigt wird. Eine Banalität wird aufgeblasen zum globalen Event.

Löhle baut ein vielschichtiges Modell der globalen Verflechtung. Er konkretisiert Entfremdung, Vereinsamung, Beliebigkeit, sucht aber keine moralische Position: Niemand ist verantwortlich, jede Entscheidung ist nachvollziehbar. Das könnte kulturpessimistisch sein, sogar tragisch. Wäre da nicht „Das Ding“, dieses ehemalige Wattebäuschchen mit seinem Mitgefühl und seinem Optimismus.

Quelle: wa.de

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