Danquarts Film „Joschka und Herr Fischer“

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Joschka Fischer in Pepe Danquarts Dokumentarfilm „Joschka und Herr Fischer“. ▪

Joschka Fischer ist der erste deutsche Politiker, über den eine 140minütige Dokumentation fürs Kino gedreht wurde. Das ist erstaunlich. Ein ehemaliger grüner Politiker wird Hauptdarsteller. „Joschka und Herr Fischer“ nennt Pepe Danquart diesen Film, der sehr reflektiert mit deutscher Geschichte umgeht. Der Regisseur will die Entscheidungen im Leben des ehemaligen Außenministers erklären, mit dem er sich vor Jahren angefreundet hat. „Wir haben den Sponti in uns entdeckt“, sagte Danquart, „das gibt Vertrauen.“ Von Achim Lettmann

Danquart macht keine Werbung für die Grünen. Wer seine Dokumentarfilme kennt, weiß, wie unaufdringlich, aber intensiv Danquart über Ideen, Taten und Ziele von Menschen berichten kann. Ob über Eishockey („Heimspiel“, 2000), Radfahren („Höllentour“, 2004) oder Extremklettern („Am Limit“, 2007). Danquart will es wissen, er ist dabei.

In „Joschka und Herr Fischer“ vermittelt der Oscarpreisträger („Schwarzfahrer“, 1994), weshalb Joschka zur Außerparlamentarischen Opposition zählte, weshalb er Steine auf Polizisten warf, weshalb er 1982 bei den Grünen eintrat, und warum er Turnschuhe trug, als er 1985 als hessischer Umweltminister vereidigt wurde? Die Antworten sind auch für politisch interessierte Menschen erhellend, die nicht zur grünen Stammwählerschaft zählen. Das liegt vor allem an der bundesdeutschen Zeitgeschichte, die Joschka Fischer kommentiert. Und wer an seine eigene politische Sozialisierung denkt, findet noch eine weitere Gedankenebene, die die Auseinandersetzung mit „Joschka und Herr Fischer“ wertvoll macht.

Politische Gegner kommen nicht zu Wort. Es werden auch keine Lobeshymnen verbreitet. Privates – Fischer ist zum fünften Mal verheiratet – taucht nur einmal auf, als er erläutert, weshalb er zum Marathonläufer wurde.

Regisseur Danquart lässt Fischer durch eine imaginäre Ausstellung schreiten. Mit Musik werden Bilder zu Clips und politische Motive emotionalisiert. Gesondert werden historische Aufnahmen auf Glasflächen projiziert. Bilder aus der RAF-Zeit, von Parteitagen mit den Grünen, von Daniel Cohn-Bendit, der respektvoll und freundschaftlich spricht. Es gibt weitere Zeitzeugen, wie den „Hasch-Rebellen“ Knofo Kröcher, der heute noch in Berlin-Kreuzberg anzutreffen ist. Oder die Schauspielerin Katharina Thalbach, die sagt, wie in der DDR der 80er Jahre gedacht wurde. Dass gerade Fischer half, die Bürgerbewegung ab 1990 in die Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ einzupassen, wird ihm heute noch im Osten vorgehalten.

Im Film nicht. Es wird gelassen berichtet. Fischer hört sich aufrichtig an, wenn er sagt, weshalb Deutschland nicht in den Irakkrieg gezogen ist, weshalb er aber den Einsatz der Soldaten im Kosovo unterstützte. Solche Aussagen vermitteln das politische Selbstverständnis eines Mannes, der 2006 sagte: „Es ist genug.“ Und geht. Und unversehens demonstriert der Film, wie dünn die Argumentation unserer Regierung heute in den substanziellen Fragen zu Krieg und Frieden ist. Das hatte Pepe Danquart nicht beabsichtigt, aber es ist auch noch dabei herausgekommen.

Quelle: wa.de

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