HP Daniels Roman „Runaway“ erzählt von 16-Jährigen auf der Flucht

HP Daniels Foto: peter m. scheibner

Wer den Geruch von Schwarzem Krausen noch in der Nase hat und weiß, wie der abgestandene Rauch dieses Tabaks in den 60/70er Jahren gestunken hat, der ist hier richtig. Petty und Riemschneider sind auf der Flucht. Ziel ist der Sozialistische deutsche Studentenbund (SDS) in Hamburg, Van-Melle-Park 6. Schwarzer Krauser und Roth-Händle sind schon da, als die beiden Münchner eintreffen. Einheit und Solidarität bedeuteten beim SDS im Keller pofen und protestieren. Das ist hart, aber immerhin besser, als die tyrannischen Väter in München zu ertragen. So die Losung der Jungs. HP Daniels nennt seinen Roman „Runaway“.

Daniels ist Musiker, Journalist und Autor. Er schreibt eine fiktive Fluchtgeschichte, die ganz authentisch sein soll und die 60er Jahre aufblättert. Die beiden 16-Jährigen sind mehr Zaungäste als Akteure. Petty, der eigentlich Clausgünter Rader heißt, will Musiker oder Schriftsteller werden, Riemschneider zeichnet und denkt an eine Grafiker-Ausbildung. Der US-Schriftsteller Jack Kerouac („On the Road“) wird mehrmals genannt, die Beat-Generation ist Vorbild der 68-Generation. Und natürlich geht es um Musiksozialisation. Petty ist von Degenhardts „Schmuddelkindern“ angetan, von Bob Dylan („No Direction Home“), den Rolling Stones („Like a Rolling Stone“), den Animals, Donavan... Es ist ein Soundtrack, der die Geschichte zum Klingen bringt, der nach Wahrheit, Aufbruch und Neuanfang schreit. Dabei ist „Runaway“ kein lautes Buch, das alle Schlachten noch mal schlagen will. Gleich zu Anfang sitzt Petty mit seinem Vater („Was hast du dir dabei gedacht?“) zusammen, der wissen will, ob sein Sohn jetzt in einer Kommune lebt. „Alternatives Gesellschaftsprojekt?“ Petty schweigt, lässt die Anwürfe und Drohungen über sich hinwegziehen und erinnert sich an Hamburg. Das Wiedersehen mit Lina, die Musikband um Winnie, der eine erste Platte rausgebracht hat, und die eigenen Schreibversuche. Als Petty die Prügelattacken und Nazi-Methoden seines Vaters festhält (kursiv gedruckt), auch die ohnmächtige Mutter erwähnt, bringt er schon jenes Maß an Reflexion auf, das den Teenager vom Elternhaus distanziert. Riemschneider ist beeindruckt.

Dieser Erkenntnisprozess tut auch der Kerngeschichte um die Flucht nach Hamburg gut. In der Phase festigt sich ein Charakter, dem der Vater auch am Ende nicht mehr gefährlich werden kann. Was damals das Unbehagen einer Generation hieß, nannte man später Zeitgeist, als sich die Pop-Kultur durchgesetzt hatte. „Runaway“ ist ein intellektuelles Coming-of-Age, eine Selbstvergewisserung, in der sich eine ganze Generation wiederfinden kann. Das bleibt nicht ohne Klischees. Horkheimer, Marcuse und Adorno erreichen keinen Diskursstatus. Demos, Proteste, Bandkonzerte, Zugfahrten und Familientreffen, vieles ist vor dem inneren Auge wieder mal zu sehen, aus Filmen, Romanen oder dem eigenen Leben bekannt.

HP Daniels erzählt ein Stückchen aus der BRD-Chronik, als sich unsere Gesellschaft liberalisierte und eine junge Generation neuen Helden nacheiferte. Die Alten werden entlarvt. Die Atmosphäre dieser Zeit fängt der Autor sehr präzise ein, einige Figuren werden spöttisch vorgeführt, andere liebevoll ins Bild gesetzt. Sogar eine Telefonzelle mit Münzschlitz vermisst man nach Daniels‘ trefflicher Beschreibung.

HP Daniels: Runaway. Roman. Transit Verlag Berlin. S. 184, 20 Euro

Quelle: wa.de

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