Daniele Finzi Pascas „Donka“ bei den Ruhrfestspielen

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Leichtfüßig schweben sie über die Bühne, die Tänzerinnen in „Donka“ bei den Ruhrfestspielen. ▪

Von Carmen Möller-Sendler ▪ MARL–Drei artige Mädchen auf einer Schaukel. Weiß gekleidet, züchtig frisiert – bis die erste anfängt zu kichern. Schon gickeln die anderen mit, rangeln und rempeln, prustend vor Übermut. Die eine rutscht ab, fängt sich, die anderen winden sich balgend drumherum, und es beginnt in luftiger Höhe eine unschuldige, lustige Trapeznummer, bei der man Unterröcke fliegen und nackte Beine strampeln sieht, herrlich ungelenk und graziös. In einer anderen Szene wirbeln sie an langen Bändern durcheinander, in weißem Tüll, so schwerelos, als fielen Blütenblätter vom Baum.

Daniele Finzi Pasca inszeniert in Marl sein Stück „Donka – A letter to Chekhov“ als federleichte, träumerische Abfolge von solch wortlosen Sequenzen zu zeitloser Musik, lose zusammengehalten durch eine vage Rahmenhandlung: Ein russischer Fürst, der vor 150 Jahren im italienischen Lugano ein Schloss baute, das auch Theater war und später Mädchenpensonat, und irgendwie hat der russische Autor und Arzt Anton Tschechow damit zu tun.

Mit einer bunten Artistentruppe bringt Finzi Pasca zum Russland-Schwerpunkt der Ruhrfestspiele eine Hommage an den Autor auf die Bühne, für die man nichts von Tschechow kennen muss. Die einzelnen Szenen sind kleine, kostbare Stücke für sich, die auch die jungen Zuschauer im Premierenpublikum im Theater Marl atemlos und amüsiert verfolgen. Der Autor und Regisseur hat für den Cirque du Soleil gearbeitet und war mit dem Cirque Eloize schon zweimal bei den Festspielen zu Gast. Diesmal zeigt er ein Varieté zwischen Komik und Tragik, nicht laut und lärmend, sondern gleichsam gedämpft, behutsam, wie durch einen Schleier von Träumen, mal so zart und leicht wie Kirschblüten, dann wieder prall und fröhlich mit überschäumender Lebensfreude.

In altmodischen, verblasst wirkenden Kostümen, lässt er seine auf mehreren Sprachen durcheinander parlierenden Akteure eine hochkarätige Artistik mit wenigen, zusammenhanglos wirkenden Texten zu etwas verweben, das so zart, so leise und doch eindringlich ist wie das Glöckchen an der Rute eines Anglers. „Donka“ heißt dieses Glöckchen auf Russisch, und dass er sein Stück so nennt, ist ein Kompliment Finzi Pascas an den Autor: Tschechow war ein leidenschaftlicher Fischer.

Sein Publikum lacht und leidet mit, wenn der Arzt seinen Halsweh-Patienten zunächst hoffnungslos verknotet, bevor er ihn mit einem befreienden Klaps wieder entlässt. Es lauscht atemlos, wenn die Sängerin mit dem Akkordeon traurige Weisen von früher spielt und die Frau mit dem angeklebten Bart dazu tanzt, und es feuert die Artisten an, die sich auf der Bühne eine ausgelassene Schlacht mit Eisbällen liefern.

Dazu gibt es vereinzelte Sätze wie diesen: „Man muss das Leben nicht präsentieren wie es ist und auch nicht, wie es sein sollte, sondern so, wie es in den Träumen erscheint.“ Oder „Die Dichter sind wie Fischer: Sie müssen immer aufmerksam sein, um die Ideen zu fangen.“

19., 20. Mai im Theater Marl,

Tel. 02361/ 92 180

http://www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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