Daniel Goldins „Finissage“ am Stadttheater Münster

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Gebärden zum Abschied: Das Münsteraner Tanzensemble in dem Stück „Finissage“ von Daniel Goldin. ▪

Von Edda Breski ▪ MÜNSTER–Poesie und Politik liegen bei Daniel Goldin nicht weit auseinander. 2011 hat er das in seinem Stück „Isola“ in einer berührenden Bildsprache verdeutlicht: Zu zirpender Musik trippelt sein Ensemble mit Kirschblütensträußen in den Armen daher.

Später tanzen sie mit Plastikflaschen: eine bissige umweltpolitische Kritik. Aus „Isola“ und anderen Arbeiten zitiert Münsters Tanzchef sich selbst in seinem letzten Stück für die Städtischen Bühnen. Goldin geht zum Ende der Spielzeit. Der designierte Intendant und Nachfolger von Wolfgang Quetes, Ulrich Peters, wünscht eine Neuausrichtung der Tanzsparte und bringt seinen Ballettchef Hans Henning Paar vom Münchner Gärtnerplatztheater mit.

Sein letztes Stück hat Goldin „Finissage“ genannt, mit dem Zusatz eines Jorge Semprùn-Zitats: „Quien me quita lo bailado“. Sinngemäß bedeutet das: „Was ich gelebt habe, kann man mir nicht nehmen.“ Das Zitat und ein Fernsehinterview mit Semprùn bilden die Klammer für den Abend. Goldin hat im Vorfeld der Premiere hervorgehoben, dass Semprùn an dem Tag starb, als Goldin erfuhr, dass sein Vertrag nicht verlängert wird.

Goldin hat in 16 Jahren in Münster sozial engagiertes bis politisches Tanztheater gemacht. „Finissage“ ist eine Klage um das nicht mehr Gewollte. In einem Filmeinspieler, gehalten in surreal-nostalgischem Schwarz-Weiß-Stil, irrt das Tanzensemble durch Münster. Als es am Stadttheater vorbeikommt, wird Chopins Trauermarsch zitiert.

„Finissage“ erweckt Bilder von einem untergangenen Europa, von Untergangsstimmung und Dekadenz, von Stetln und Volksbelustigung mit Kasperltheater. Immer wieder hat Goldin sich auch an Motive seiner Heimat Argentinien angelehnt. Tangos mischen sich in „Finissage“ mit jiddischer Musik. Eine durchgehende Geschichte gibt es nicht, Bilder und Anspielungen verdichten sich zu einer Stimmung von Nostalgie, die durchaus ins Bittere umschlägt.

Für „Finissage“ hat Goldin ehemalige Tänzer seines Ensembles zurückgeholt und die Bluessängerin Kathrin Mander engagiert. Sie singt Chansons und Mordechai Gebirtigs „S‘brent“, und sie liest Texte, etwa aus Federico Garcia Lorcas „Plauderei“. Da wird ein Theater, das nur Zeitvertreib ist, für nutzlos erklärt.

Nicht immer ist Goldin ganz so deutlich: In einer Anti-Kriegs-Choreografie (zu Musik aus Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“) kreist Alice Cerrato um die blockhaft bewegte Gruppe, die langsam aufbricht. Die Tänzer wagen den Ausbruch mit skizzierten klassischen Schritten. Die Szene ruft ins Gedächtnis, wie sehr Goldin in der Tradition der Folkwang-Schule steht, wie verbunden er der Tradition auch einer Pina Bausch ist.

Eine Erinnerung an die „Winterreise“ (2003) ist das Solo „An dem Flusse“: Gesang und Klavier werden verzerrt, hektischer werden die Bewegungen Alice Cerratos. Sie ist seit 1996 dabei, sie tanzt die „Finissage“ mit ihrer fast wütenden Energie und mit Trauer.

Goldins Tanztheater ist politisch, aber nicht eindeutig und schon gar nicht agitatorisch. Es entzieht sich der Eindeutigkeit durch sanfte Melancholie. Das hat auch damit zu tun, dass Goldin sich über die Jahre eine handverlesene Truppe, meist von Folkwang-Schülern, gesucht hat. Das Ensemble vertritt eine Haltung. Tänzer wie Matthias Schikora und Damiaan Veens verbreiten fast klösterliche Strenge. Das ist jetzt in Münster vorbei.

„Finissage“ dauert drei Stunden; ein manchmal allzu langes Stück. Böse schaut Goldin auf seinen Nachfolger. Seine Tänzer tragen auf Silbertabletts bonbonbunt bemalte Spitzenschuhe herbei, sie heben Lackpumps und zertrümmern die bunten Schuhe.

30. Mai, 1., 3., 7., 9., 12. Juni

Tel. 0251 / 59 09 100; www. stadttheater.muenster.de

Quelle: wa.de

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