Daniel Barenboim eröffnet das Klavier-Festival Ruhr

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Erkundete Beethovens Klangwelten: Daniel Barenboim eröffnete in Bochum das Klavier-Festival Ruhr. Foto: Wieler

Bochum – Das Klavier-Festival Ruhr ist gestartet – und auf den ersten Metern ging es gleich auf die Gipfel der Sonatenkunst mit vier Beethovensonaten, gespielt von niemand Geringerem als Daniel Barenboim höchstpersönlich.

Es lag viel Melancholie in dem Abend. Vielleicht lag es an der in den Saal eingespielten Stimme des 95-jährigen Menahem Pressler. Der Hochbetagte hätte ursprünglich das Eröffnungskonzert spielen sollen. Aber er liegt derzeit mit einer Viruserkrankung in einem Londoner Krankenhaus und konnte nur die Grußbotschaft nach Bochum schicken. Presslers brüchige Stimme füllte das Brost-Musikforum in Bochum mit viel Lob für den 76-jährigen „Einspringer“ Barenboim. Beide lernten sich kennen, als der junge Barenboim in den 50er Jahren noch als Kind nach Israel einreiste. „I was tremendously in love“, schrecklich verliebt, erinnerte sich Pressler an das erste Vorspiel Barenboims. Vielleicht war es tatsächlich die Nostalgie, aber in allen vier Sonaten lag an diesem Abend ein Ton von Reflexion und Vergänglichkeit.

Barenboim begann mit der Es-Dur-Sonate Nr. 13, „quasi una fantasia“. Das Andante zog sich ganz in sich zurück, fein und deutlich ausartikuliert, aber im Ton gedämpft bis verträumt. Der Ton von Intimität zog sich durch die ineinanderfließenden Sätze weiter: ins Allegro, wo die Linien einander beinahe wegeilten, als traue die Musik sich selbst nicht; das Adagio, das Barenboim an den Rand der Verflüchtigung bewegte, mit fein hingetupften Melodien. Der Schlusssatz hatte es wieder eilig, doch in den Kontrasten, die Barenboim trotzig setzte, steckten Reibungen, Widerhaken. Bei aller Verträumtheit sperrte sich die Musik dann doch einer allzugroßen Empfindsamkeit.

Es folgte die D-Dur-Sonate opus 10/3. Sie war das Nachtschattengewächs an diesem Abend: Das Presto trumpfte finster auf, aber wieder schienen die Linien wegzueilen, als gehörten sie nicht ganz in diese Realität. Das „Largo e mesto“ spielte Barenboim wie ein Uhrwerk kurz vorm Stocken: dunkel resigniert, mit plötzlichen Auflehnungen. Danach klang das Menuett lieblich, aber mit einem samtschwarzen Unterton versehen. Das Rondo steckte zwischen Extremen: wegeilend und stockend, flüchtig und präsent.

Nach der Pause folgen die e-moll-Sonate Nr. 27 und die „Waldsteinsonate“. Die erste schwankte zwischen empfindsam und schroff, mit einem Klang, der plötzlich an Körperlichkeit gewinnen konnte, wie eine Erinnerung: Ich bin noch hier. Bis hierher glich die Beethoven-Gipfelpartie unter Barenboims Händen oft einem Ausflug über sanfte Hügel, so sehr hatte er ins Innere der Musik nachgefühlt.

Die „Waldsteinsonate“ dagegen war durchzogen von Energiestößen, als sei die Musik jetzt im Hier und Jetzt angekommen. Der erste Satz war eine Energieinfusion am Ende dieses Abends, die Introduktion dann eine kurze Reflexion von karger Schönheit. Das Rondo durchmaß noch einmal die Extreme: flüchtige, zerbrechliche Variationen, aufgemischt durch Energiestöße. Das Bochumer Publikum dankte Barenboim für diesen Abend mit minutenlangem, stehendem Applaus.

Quelle: wa.de

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