Dabeisein. Fotos von Jürgen Heinemann, Tobias Zielony

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Blick nach Brasilien: Jürgen Heinemanns Fotografie „Kinderklinik Recife“ (1962), zu sehen in Essen. ▪

Von Achim Lettmann ▪ ESSEN–Das kleine Kind fand Jürgen Heinemann im Hospital „Maria Lucinda“ in Recife, Brasilien, 1962. Seine Geschichte wird nicht erzählt. Aber es sieht verloren aus in dem Bett, allein und vielleicht doch ein bisschen behütet.

Nur von wem? Im Wartezimmer einer Krankenstation im Norden Brasiliens fotografiert Heinemann ein Mädchen (1975), das ganz still da sitzt. Die Umgebung ist karg, nichts wirkt kindgerecht, es herrscht Mangel. Jürgen Heinemann war für die katholische Hilfsorganisation Adveniat in Südamerika. Seine Bilder sollten die Menschen des Kontinents zeigen und ihre Bedürftigkeit. Im Essener Museum Folkwang werden die Bilder ausgestellt. „Dabeisein“ ist eine Präsentation getitelt, die auch Fotografien von Tobias Zielony zeigt. Zielony arbeitet in Farbe. Auch er fotografiert soziale Gegenwart.

Die Fotografische Sammlung Folkwang eröffnet mit „Dabeisein“ eine neue Reihe. Zu Fotografien aus der eigenen Sammlung wird ein Gast geladen. Tobias Zielony, 1973 in Wuppertal geboren, macht den Anfang. Er steht für eine zeitgenössische Position der Dokumentarfotografie. Aus seiner Serie „Ha Neu, Halle/Saale, Deutschland“ (2003) sind 13 Aufnahmen zu sehen, die vor allem Jugendliche zeigen. Er arbeitet mit einem Kunstlichtfilm bei Nacht. Jedes Bild wirkt surreal, so eigenwillig transportiert das Material die spärlichen Lichtquellen. Es sind Menschen zu sehen. Nichts verrät ihre Gedanken. Sie erscheinen als Teil einer urbanen Szenerie, die überall sein könnte. „Fremder“ zum Beispiel ist ein Jugendlicher, der in seinem globalen Outfit auch nach München, London oder Chicago passen würde. Zielony, der in Cardiff (Wales) und Leipzig (bis 2004) Fotografie studierte, reduziert die Stadtwelt auf Ausschnitte: Cliquen-Treffen, Freundschaften, Porträts, Gesten, Gebäude, Plätze. Das visuelle Konzept Zielonys wirkt hermetisch. Seine Kunstfotografie, die auf die Tradition der Bildreportage zurückgeht, verknappt die Informationen und stilisiert mit Farbe.

Jürgen Heinemann zählt zu einer anderen Generation. 1934 in Osnabrück geboren, inspirierten ihn das Buch „Subjektive Fotografie“ von Otto Steinert und die Ausstellung über moderne Fotografie „The Family of Man“ (1955), die der US-Fotograf Edward Steichen zusammenstellte. Heinemann studierte bei Steinert in Saarbrücken und Essen (bis 1962). Seine Fotografien wurden in Zeitungen und Zeitschriften massenhaft gedruckt. Seine Bilder aus Lateinamerika, Afrika und Asien zeigten eine noch unbekannte Welt.

Es gab zu der Zeit keine Ausstellungsmöglichkeiten für Fotografen. Auch die Kunstfotografie begann sich erst in den 70er Jahren zu entwickeln. Und doch kam Heinemann der Aufforderung Otto Steinerts nach, die Fotografie als Einzelbild zu begreifen und zu präsentieren. Das bedeutete für Heinemann Laborarbeit. Er hat seine Schwarzweiß-Fotografien kontrastreich gehalten und das Licht verdichtet. Das Museum Folkwang besitzt über 100 Aufnahmen von ihm.

Die Fotografien waren Auftragsarbeiten. Vor allem für Hilfsorganisationen wie Adveniat und Misereor bereiste Heinemann die Welt. Er dokumentiert die Qual der Arbeiter in den Zinnbergwerken Kolumbiens (1978) und auf den Bananenplantagen Costa Ricas (1983). Er gibt den Indios in Guatemala (1969) ein Gesicht, die sich vor einer Kirche versammeln. Adveniat publizierte dieses Bild mit der Unterschrift „Kirche soll Wehrlose schützen und Brüderlichkeit schaffen“. Es sind auch Bilddokumente, die die Themen der Bekennenden Kirche Lateinamerikas visualisierten.

„Ich habe geglaubt, dass meine Fotografien etwas verbessern“, sagte Jürgen Heinemann in Essen. Er habe mit einer Leica gearbeitet und immer auf den entscheidenden Augenblick für ein Foto gewartet, sagte er, Konzentration sei für ihn das Wichtigste gewesen. Er unterrichtete von 1981 bis 1991 an der Fachhochschule für Fotografie in Bielefeld.

Die Schau

Zwei Positionen der Dokumentarfotografie, die die Entwicklung des Genres eindrücklich belegen.

Dabeisein. Fotografien von Jürgen Heinemann und Tobias Zielony im Museum Folkwang Essen.

Bis 26. Juni; di – so 10 bis 18 Uhr, fr 10 bis 22.30 Uhr; Katalog 28 Euro; Tel. 0201 / 8845  444

http://www.museum-folkwang.de

Quelle: wa.de

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