„Crashtest Nordstadt“ zwischen Raucherkneipe und Moschee

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Auch das ist heute ein exotischer Ort: Besuch in der Raucherkneipe beim „Crashtest Nordstadt“ in Dortmund ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–Ein wenig unsicher gehen wir durch den Gemischtwarenladen. Links liegen türkische Bücher im Regal, für Kinder, Romane mit Liebespaaren auf dem Titel, Korane. Rechts gibt es Kaffee, Lebensmittel, Kosmetik und vieles mehr. Der ältere Herr und der junge Mann lächeln uns an. Wir sind willkommen. Wir sind an unserer zweiten Station beim „Crashtest Nordstadt“ des Schauspiels Dortmund.

Nein, Alkohol haben wir nicht dabei, antworten wir. Über den Hof kommen wir in einen Vorraum. Wir ziehen unsere Schuhe aus, dann betreten wir die Moschee. Zwei ältere Herren sitzen in einer Ecke, einer fährt unseren jungen Begleiter an. Was das denn wieder solle. Noch solche? Ja, wenn es um den Islam ginge, aber solche Spiele... Ganz so willkommen scheinen wir doch nicht zu sein. Ein Mann betritt den Raum, fragt uns, ob er helfen könne, geht dann weiter und betet. Unser junger Gastgeber hat den graubärtigen Kritiker beruhigt. Nun fragt er nach unseren Namen. Ob jemand von uns etwas über die Nordstadt erzählen könne. Da sitzen wir auf dem „Heißen Teppich“, Eindringlinge, die mit einem lauten Wort Gläubige in ihrer Andacht stören. Angeblich hatte die Gruppe vor uns Alkohol dabei. Ein wenig erleichtert gehen wir. Aber der Ladenbesitzer lädt uns freundlich ein, uns jeder einen Ayran mitzunehmen.

Der „Crashtest“ ist kein Theaterstück. Die Besucher werden in der Neuapostolischen Kirche in der Nordstadt empfangen. „Checker“, Laiendarsteller, Bewohner des Viertels, stellen Gruppen zusammen, die „Schwarzer Engel“ heißen, „Silver Bullett“ und „Löwe vom Borsigplatz“. Die jeweils sechs bis zehn Besucher streifen durch das Viertel. Es ist ein wenig abgelebt, obwohl es schön renovierte Jugendstilhäuser gibt, faszinierende Spezialgeschäfte, exotische Restaurants. Und Kioske, die noch um 22 Uhr eine Dose Hundefutter verkaufen, wenn man gerade eine braucht. Hier leben viele Dortmunder mit Migrationshintergrund, mit niedrigem Einkommen. Es gibt Probleme mit Kriminalität, Drogen, Prostitution.

Regisseur Jörg Lukas Matthaei und sein Team bringen das gutbürgerliche Theaterpublikum in die Gegend, die sie sonst meiden. Schon der erste Teil im Juni war ein Erfolg. Beim Publikum, aber auch bei den mehr als 50 Akteuren, die als Checker und Gastgeber auf den Stationen für Multikulti-Stimmung sorgen.

„Crashtest“ belehrt in einer Spielsituation. Die Besucher finden sich in der Rolle, die sonst Nordstädtlern vorbehalten ist. Sie sind Eindringlinge, müssen sich bewähren, werden bewertet. Beim Rundgang sollen sie Punkte sammeln, diesmal Stempel, die dem Checker in der Zentrale bessere Karten am Pokertisch verschaffen. Es geht um Zocken und Tauschen vor dem Hintergrund einer gescheiterten Wirtschaft, in der nur noch Werte zählen, die Spielkarten entsprechen: Clan (also Zugehörigkeit), Gebet, Respekt, Zaster.

Die Besucher werden zu lernenden Darstellern. Wie ist es, in einer Grundschule einen Satz aus fremdartigen Zeichen zusammenzubuchstabieren? Es gibt einen Börek-Workshop, eine islamische Bank, einen Eignungstest für eine Kommune. Wenn man draußen eine andere Spielgruppe trifft, muss man sie zur „Battle“ fordern. Was ist echte Nordstadt, was Inszenierung?

Wir kommen in die „Palette“, eine Raucherkneipe mit Kunstblumen und BVB-Artikeln an der Wand, wo Rentner am Stammtisch würfeln, jeder drei Biergläser vor sich, und wo uns eine Frau mit wettergegerbtem Gesicht überschwenglich anspricht. Da sind wir schon tiefenentspannt, denn wir kommen vom „Training for the fittest“, bei dem uns Nadide eine kleine Hüpf- und Mentaleinheit gab. Von der Pizzeria auf der anderen Straßenseite schauten echte Nordstädtler grinsend den Fremden beim absurden Aerobic zu. Auch sie hatten Spaß.

4., 5., 6., 12., 13., 14.10.,

Tel. 0231/ 50 27 222,

http://www.theaterdo.de, http://www.crashtest-nordstadt.de

Quelle: wa.de

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