Ausblick ernst, aber auch mutig

Coronavirus in NRW: Kinobranche bangt und hofft in Sachen Zukunft

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Das CinemaxX in Hamm.

Münster/Hamm/Lippstadt – Wann war Ihr letzter Kinobesuch? Haben Sie noch „Die Känguru-Chroniken“ gesehen mit Marc-Uwe Klings behaartem Systemsprenger? Oder Pixars Animationsfilm „Onward“ mit einer Hose als Hauptfigur? Eine echte Kinoauswertung hat auch Hermann Hesses Romanverfilmung „Narziss und Goldmund“ nicht erfahren. Seit dem 17. März sind die Kinos wegen der Coronakrise geschlossen. Bis 19. April – erst mal.

„Es ist die schwerste Situation, in die wir jemals geraten sind“, sagt Kinobetreiber Ansgar Esch. Vorrang habe die Bekämpfung der Pandemie, sagt Esch, „das steht sowieso außen vor.“ Aber: „Wir haben hohe Fixkosten mit den Pacht-Verträgen und einen hohen Mitarbeiterstamm“, sagt Esch. 

Und Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Kino, weiß: „Der Überlebenskampf des Kinos setzt ein.“ Die 400 Arthouse-Kinos in Deutschland benötigen laut Bräuer etwa 2,8 Millionen Euro pro Woche zur Kostendeckung.

Es wird hart, auch wenn die Bundesregierung bereits Kurzarbeitergeld freigegeben hat. „Mehr als die Hälfte unserer Belegschaft sind Aushilfen und studentische Minijobber“, sagt Esch, der in Münster das Schlosstheater, das Cinema und das deutlich größere Cineplex-Kino bewirtschaftet. Kurzarbeitergeld hilft nur Festangestellten. 

Coronavirus in NRW: Kino-Krise "betrifft alle"

Ansgar Esch, seit neun Jahren Geschäftsführer, ist in Kinos aufgewachsen. Seine Eltern führten bereits Lichtspielhäuser. Der 41-Jährige will nicht zwischen Multiplex- und Arthouse-Spielstätten unterscheiden. „Die Krise betrifft alle“, sagt Esch, der in Paderborn noch das Pollux-Kino betreibt.

„Wir können ja aktuell nichts machen“, sagt Mike Nieuwdorp. Der Juniorchef der FTB Nieuwdorp GmbH mit Kinos in Lippstadt und Arnsberg hält den Ball flach und will sich erst mal um Mitarbeiter kümmern und schauen, welche Hilfen noch vom Staat angeboten werden. „Wir werden schon da durchkommen, und wir werden die Kinos schon wieder aufmachen können“, glaubt Nieuwdorf, „wenn wir nicht für mehrere Monate geschlossen werden.“ 

Coronavirus in NRW: Kein Kino soll auf der Strecke bleiben

Aber eins weiß der 26-jährige Juniorchef auch: „Die nächsten Monate werden eine teure Zeit für uns.“ Das Residenz Kinocenter in Arnsberg hat 460 Sitzplätze. In Lippstadt fehlen Einnahmen aus dem Cineplex (1453 Sitzplätze), dem Studio und Cinema (beide 168).

Nieuwdorf und Esch zählen mit ihren Kinos zur Cineplex-Genossenschaft mit Sitz in Wuppertal. Mittelständische Kinobetreiber haben sich zusammengetan, um Preisvorteile zu erwirtschaften. Dies bringt zur Zeit wenig. Deshalb werden Interessenverbände aktiv. 

„Wir müssen sicherstellen, dass kein Kinobetreiber seine Existenz verliert“, sagt Christine Berg vom Vorstand des Hauptverbands Deutscher Filmtheater (HDF). Die Interessenvertretung steht für 602 Kinounternehmen mit 3300 Leinwänden. 

Coronavirus in NRW: Kinos setzen (auch) auf Bundeshilfen

Berg beziffert dieVerluste auf 17 Millionen Euro pro Woche für ihre Branche. Damit Kinos nicht flächendeckend geschlossen werden müssen, setzt sie auf Bundeshilfen. „Für uns ist es wichtig, dass wir schnell an einer Wiedereröffnung arbeiten“, sagt Berg und verweist auf Kinos in China, die bereits wieder öffnen und jeden zweiten Platz verkaufen – Abstand halten.

Mike Nieuwdorp sieht in der Krise auch Licht am Ende des Tunnels. „Das Kino ist aber nicht tot“, sagt er, auch wenn er nicht zu sagen vermag, welche Filme Ende April zur Verfügung stehen. „Die Filmverleiher haben die angekündigten Filme verschoben“, so Nieuwdorp, was auch sehr verständlich sei. Dennoch bleibt die Frage, was gibt es wann zu sehen?

Coronavirus in NRW: Spektakuläre Filme in der Warteschlange

Es gebe ein spektakuläres Angebot, das in die Kinos komme, sobald diese wieder geöffnet sind, sagt Ingrid Breul-Husar, Pressesprecherin der CinemaxX-Gruppe, „wenn man sich anschaut, was an Filmen ansteht, sollte es eine der stärksten Phasen in der Geschichte des Kinos werden.“ Das CinemaxX mit Sitz in Hamburg betreibt 31 Lichtspielhäuser im Bundesgebiet und seit Ende 2018 auch ein Haus in Hamm.

Zuversichtlich ist auch Christine Berg vom HDF: „Auch wenn die aktuelle Phase die Kinos auf eine äußerst harte Belastungsprobe stellt, gehe ich überhaupt nicht davon aus, dass uns die Besucher dauerhaft verloren gehen.“ Sie rechnet mit einem Boom nach der Krise: „Zumal wir dann ein absolutes Feuerwerk an tollen Filmen haben werden.“

Und Ingrid Breul-Husar vom CinemaxX legt nach: „Wenn das vorbei ist, wird niemand weiter in seinem Wohnzimmer sitzen bleiben wollen.“ Außerdem versichert Breul-Husar: „Wir tun alles, um auch unsere Mitarbeiter und unsere Unternehmen vor den finanziellen Auswirkungen der Schließung zu schützen.

Coronavirus in NRW: Kinoschließung gefährden Existenzen

Aktuell hat die Bundesregierung Zuschüsse zu den Betriebskosten auch kleiner Unternehmen zugesagt. Ansgar Esch (Münster) favorisiert neben einer „unbürokratischen Filmförderung“ auch „Kurzarbeitergeld für Studenten und Minijobber“. 

Esch weiß, dass seine Mitarbeiter auf den Verdienst angewiesen sind, um ihre Mieten in Münster zu bezahlen. Schließungen über sechs Wochen hinaus sieht der Kinobetreiber für seine Filmtheaterbetriebe als existenzbedrohend.

Coronavirus in NRW: Steaming und Video on Demand im Vorteil

Derzeit sind Streamingdienste und Video-on-Demand-Plattformen im Vorteil. Für Ansgar Esch sind aber Netflix, Disney+ und Co. keine große Gefahr, eher fürs Fernsehen. „Wir sind in Konkurrenz zu anderen Freizeitanbietern“, sagt Esch und weiß, dass der Trend, sich zuhause einzuigeln, um Streaming, Gaming und Social Media zu nutzen, durch die Coronakrise noch verstärkt wurde. „Wenn man zuhause in die Isolation gezwungen wird, wird dieser Prozess beschleunigt“, sagt Esch.

Welche Kinos werden wann öffnen? „Alles schwer abzusehen“, sagt Kinobetreiber Esch, der sich fragt, was die Gesellschaft einsetzten will, um das Kulturangebot Kino zu erhalten. Er weiß auch, dass Lichtspielhäuser nicht systemrelevant sind.

Quelle: wa.de

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