Cornelis Bega in Aachen: Austellung „Eleganz und raue Sitten

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Auf der Suche nach Erkenntnis mitten im Chaos: Cornelis Begas Gemälde „Der Alchemist“ ist in Aachen zu sehen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ AACHEN–Der „Alchemist“ ertrinkt beinahe in der Flut der Dinge, mit denen er sich umgibt. Ein Mörser, aus dem eine Ecke herausgebrochen ist. Angeschlagene Tonkrüge, auf deren Glasur sich das Licht bricht. Packpapier mit Mineralien. Glaskolben, Körbe, Schachteln, mehrere Decken, getrocknete Pflanzen, ein Stapel mit Papieren und Büchern. Eine große Glasflasche ist sichtlich angestaubt. Mittendrin sitzt der Bärtige und legt etwas von der roten Masse auf eine Waage. Er ist von seinem Experiment so fasziniert, dass er auf seinen abgerutschten Strumpf nicht achtet.

Das 1663 entstandene Gemälde von Cornelis Bega (1631–1664) erzählt von einem Sonderling jener Zeit, der auch dem Traum folgte, aus minderen Stoffen Gold schaffen zu können. Das Bild ist in der Ausstellung „Eleganz und raue Sitten“ des Aachener Suermondt-Ludwig-Museums zu sehen. Begas Meisterwerk misst gerade 36 mal 32 cm, aber es feiert die Kunst. Der wahre Zauberer ist jener Maler aus Haarlem, der in der Beschreibung von Stoffen schwelgt, mit gedämpfter Palette zeigt, welche Nuancen das Spektrum von Rot- und Brauntönen hergibt. Anders als seine Zeitgenossen macht er sich nicht über den Alchemisten lustig, zeigt ihn als ernsthaften Forscher.

Die Schau ist die erste zu Bega. Sie stellt wieder einen Altmeister vor, der alle Aufmerksamkeit verdient, aber weit weniger berühmt ist als Bruegel, Rembrandt, Rubens. Vielleicht liegt es daran, dass der letzte Sprössling einer wohlhabenden Künstlerfamilie so jung einer Pestepidemie zum Opfer fiel. Er hatte kaum Zeit, seine Kunst zu entfalten. Und doch war er erstaunlich produktiv. Rund 120 Gemälde schreibt ihm Museumsdirektor Peter van den Brink zu, hinzu kommen mehr als 100 Zeichnungen. In Aachen sind rund 40 Gemälde zu sehen, dazu 34 Zeichnungen und komplett seine 35 Radierungen. Leihgaben kommen aus dem Pariser Louvre, der National Gallery London, dem Getty Museum Los Angeles, Museen in Europa, den USA und Australien und aus Privatsammlungen.

Bega widmete sich den niederen Feldern der Malerei, schuf keine sakralen Werke, keine Historienbilder, sondern hatte sich auf Genreszenen spezialisiert. Seine meisterlichen Gemälde haben kleines Format, aber man braucht Zeit, um sie auszuschöpfen. Der Titel der Ausstellung umschreibt ein paradoxes Moment seiner Kunst: Er schildert viele Szenen aus dem Milieu der kleinen Leute, Bauern zumeist, aber auch hier vermeidet er das Karikieren und Überzeichnen. Und technisch sind seine Bilder von höchster Virtuosität.

Das zeigt eine Wirtshausszene, die um 1662 entstand. Zwei Männer sitzen auf einer Holzbank, einer bietet einer jungen Frau die Branntweinflasche an. Seine Haltung verrät, dass es ihm um mehr geht als eine Trinkgefährtin, aber die Frau lässt ihn abblitzen, wirkt selbstbewusst. Ein zweiter Mann befindet sich im Dialog mit einem grauen Weinkrug, in dessen Glasur Bega virtuos Lichtbrechungen malt. Im Hintergrund steht ein dritter Mann zur Wand gewandt, er pinkelt. So schäbig die Kleidung besonders der Männer wirkt, so grandios führt der Künstler sie uns vor Augen, all die Tuche und Stoffe mit aufgestoßenen Kanten und komplizierten Falten. Wieder fällt auf, dass Bega zwar erzählt. Aber die Szene löst sich in keiner Pointe auf.

Die Schau ist in Themengruppen inszeniert. In zwei Kabinetten sind die grandiosen Zeichnungen zu sehen. Den Ausstellungsmachern ist es gelungen, Vorzeichnungen zu Gemälden aufzuspüren, bei einem Alchemisten und bei Kneipenszenen.

Er zeigt immer wieder Sexuelles. Oft werden Frauen bedrängt. Bei den „Musikanten vor der Herberge“ (um 1655) begrapscht ein Angetrunkener eine Frau, die sich verstört umwendet. In der „Wirtshausszene“ (ca. 1660-62) macht eine Magd einem älteren Bauern Avancen, und ihr Blick verrät, was sie attraktiv an ihm findet: den Geldbeutel. Bega malt auch zwei trinkende und rauchende Dirnen in einem unordentlichen Zimmer mit zerwühlter Bettwäsche. Aber obwohl er durchaus zeigt, dass die eine berauscht ist, gewährt er ihnen Haltung, ja Würde. Begas Bilder folgen nicht so eindeutig dem Kanon der Anspielungen der niederländischen Malerei. Er hält seine Bilder in der Schwebe. Mitten ins Wirtshaus malt er eine Mutter mit schlafendem Kind auf dem Schoß, die von einem Mann mit Bierglas angesprochen wird. Vielleicht will er den Gegensatz zeigen zwischen den lasterhaften Trinkern und der mütterlichen Fürsorge.

Wunderbar auch seine Bilder von musizierenden Menschen wie dem blinden Geiger, der Zisterspielerin oder den beiden Sängern. Oder die häuslichen Szenen wie das „Gebet vor der Mahlzeit“ (1663), bei dem er die Frau ins Zentrum setzt und beleuchtet. Man fühlt ihr Unglück in diesem schäbigen Raum mit der beinlosen Fußbank, dem zerbrochenen Fußwärmer, der angestoßenen Suppenschüssel und dem deutlich älter wirkenden Mann. Da entwickelt er geradezu psychologische Schärfe.

Eleganz und raue Sitten – Cornelis Bega im Suermondt Ludwig Museum Aachen. Bis 10.6., di – fr 12 – 18, mi bis 20, sa, so 11 – 18 Uhr, während der Kunstmesse Tefaf bis 25.3. tägl 11 – 18, mi bis 20 Uhr, Tel. 0241/479 800,

http://www.cornelis-bega.de,

Katalog, Belser Verlag, Stuttgart, 34,95 Euro, im Buchhandel 39,95 Euro

Quelle: wa.de

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