Corneilles Komödie „Der extravagante Liebhaber“ in Münster

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In Spiellaune: Florian Steffens (von links), Johanna Marx, Lilly Gropper und Ilja Harjes im „Extravagenten Liebhaber“.

Von Edda Breski MÜNSTER - Pierre Corneille hat den männlichen „lead“ im Theater ein berühmtes Dilemma an den Hals geschrieben: das des zwischen Liebe und Pflicht moralisch eingeklemmten Helden. Der Corneille’sche Heros muss eine Entscheidung treffen, die in jeder Variante persönlichen Verlust bedeutet.

Mit 28 Jahren, schon bekannt, noch nicht zur Berühmtheit gereift, schrieb Corneille 1634 die Komödie „La place royale“ um Liebe und Partnertausch unter jungen, mondänen Parisern. Am Theater Münster ist die deutsche Erstaufführung „Der extravagante Liebhaber“ zu sehen, ein unterhaltsam inszenierter Theaterabend von Stefan Otteni, der mit leichter Geste den Corneille’schen Helden vom Kopf auf die Füße bewegt.

Alidor (Florian Steffens) ist verlobt, aber das behindert seinen Freiheitsdrang. Günstigerweise ist sein Freund Cléandre (Maximilian Scheidt) in die engelhafte Angélique (Lilly Gropper) verliebt, Alidor verspricht sie ihm. Sie aber fängt trotz moralischer Vorbehalte was mit Doraste an (Daniel Rothaug sprang bei der Premiere für den grippekranken Dennis Laubenthal ein).

Otteni zeigt adrette young professionals, Makler ihrer selbst auf schlüpfrigem Parkett. Sie sind mit Mikros und Yogamatten ausstaffiert und bereit, sich auf Handy-Aufnahmen preiszugeben. Im Grunde sind sie absolute Welpen. Anne Neuser (Bühne und Kostüme) hat ein Quadrat inmitten der Zuschauersitze im Kleinen Haus entworfen: Handelsparkett, Boxring und Tanzboden zugleich. Der Zuschauer sieht Schweißperlen, hört die Souffleuse vergessene Textzeilen ansagen. Die Figuren erhalten eine berührende Unmittelbarkeit. Die Liebeswirren werden auf einer Zeltparty ausgespielt. Wurfzelte markieren Territorien der Wünsche. Die Yuppies feiern mit günstigem Moskovskaya-Wodka unter Lampionbeleuchtung ihre Jugend. Dazu spinnt Musik der norwegischen Elektroband Röyksopp einen melancholischen Soundtrack. Später drängt sich alles in ein „Discozelt“ und macht Beatbox-Musik, eine schöne Szene. Zwischendurch kommt einer nach dem anderen hervor, um über Gefühle zu grübeln. Messer werden gezückt, doch der Angreifer schneidet sich aus Tollpatschigkeit selbst. Als Cléandre sich entscheidet, seine Gefühle doch lieber auf Phylis zu fixieren, singt Maximilian Scheidt bebend Jacques Brels „Ne me quitte pas“. Cléandre wirkt in seiner Theatralik noch welpenhafter und ist umso eindeutiger Wachs in den Händen der genusssüchtigen, kalkulierenden Phylis (Johanna Marx).

Otteni erzählt mit Verständnis und Witz eine fast filmische Fisimatenten-Komödie und reflektiert behutsam, ob es nicht jedem so ergehen könnte, der sich entscheiden soll und nicht weiß, wofür. Es schadet dem Klassiker gar nicht, dass er die Figuren auch durch sprachliche Blödelei erdet. Das Versmaß wird durchbrochen, die modernisierte Sprache fließt so leicht wie die Erzählung (Übersetzung: Rainer Kohlmayer).

Im Original geht Angélique schließlich ins Kloster. In Münster wird der Abgehenden nachgerufen: Was, zur Hölle, stimmt nicht mit dir? Ersatz ist schon in Sicht: die blonde Jeanette, die Ilja Harjes – er gibt den zynisch angekühlten Beobachter Lysis – auf die Tanzfläche führt.

5., 12., 15., 17., 27.3., 15., 25., 26.4., Tel. 0251/59 09 100, www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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