„Conflict, Time, Photography“ im Museum Folkwang in Essen

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Don McCullin fotografierte „US-Marine unter Granatenschock, Vietnam, Hué, 1968“. In Essen ist der neue Silbergelatine-Abzug ausgestellt.

Von Achim Lettmann -  ESSEN Den traumatisierten Blick des US-Marines hat Don McCullin während der Ted-Offensive 1968 in Vietnam aufgenommen. Der „Granatenschock“ macht sichtbar, wie der Krieg die Seele des Menschen schreddert. Die Fotografie zählt zu den aufklärenden Bildern, die in den USA dafür verantwortlich waren, die öffentliche Haltung gegenüber dem Vietnam-Krieg zu ändern. Es ging zunehmend um US-Opfer und nicht mehr um ideologische Feinde in Hanoi und Moskau.

Diese Macht des Bildjournalismus hat nachgelassen. Die Ausstellung „Conflict, Time, Photography“ nimmt die Dramatik aus dem Thema Krieg und rückt die Zeit als reflektierenden Ordnungsfaktor zwischen Krieg und Mensch, zwischen Gewalt und Verletztlichkeit. Die Kuratoren der Tate Modern in London, wo die Schau konzipiert wurde, haben ein Buch über Dresden als Ideengeber genutzt. Kurt Vonnegut jr., ein US-Soldat, überlebte den Bombenangriff im Februar 1945 als Gefangener. Er dokumentierte über viele Jahre sein Verhältnis zum Vernichtungsfanal im 2. Weltkrieg. Sein Buch „Schlachthof 5“ zeigt sehr persönlich die Spätwirkungen auf den Menschen.

Die Ausstellung im Essener Museum Folkwang bietet ein großes Spektrum: Wie visualisieren Fotografen und Fotokünstler das Verhältnis Krieg und Mensch? Es sind 125 Werke mit insgesamt 800 Fotografien zu sehen. 35 Fotografen sind mit ihren Arbeiten von 1855 bis 2013 präsent. Stephen Shore, Jim Goldberg, Simon Norfolk, August Sander, Susan Meiselas, Michael Schmidt, René Burri, Margaret Bourke-White, Albert Renger-Patsch... Dabei fehlen Schreckszenarien aus aktuellen Kriegen. Das Thema beruhigt sich über zwölf Zeitkontinuen wie „Monate später“, „13 Jahre später“, „95 Jahre später“.

Das tut gut und macht aufmerksam. Aufmerksam auf das Portfolio von Fotografien, die Pierre Antony-Thouret „Monate“ nach dem 1. Weltkrieg in Reims aufnahm und 1927 veröffentlichte. Es war die Zeit, als Zerstörung noch dokumentiert werden musste, weil ihr Ausmaß neu war: Ruinen von Bürgerhäusern, unpassierbare Straßen, Baumstümpfe. Antony-Thouret rettet sich in manch tradierte Komposition und blickt durch einen Fensterbogen aufs Elend – auf die zerschossene Kathedrale.

Der Zerstörungsgrad erschließt sich in den Fotografien von Jo Ractliffe nicht mehr. Fünf Jahre nach dem Bürgerkrieg in Angola (1975–2002) nimmt sie vor allem eine Barackenstadt oberhalb des Hafens von Luanda auf. Absurd und radikal wirkt die „postapokalyptische Landschaft“, ein Begriff für Müllhütten, Abfall, Ziegen – mittendrin Menschen.

Die Ausstellung in Essen thematisiert auch Zensur. Sophie Ristelhuber zeigt die Wüste nach dem ersten Irakkrieg 1991/92. Damals verbreiteten Nachrichtensender nur Bilder aus US-Kampfjets. Was wirklich passierte, lässt sich nur noch als Spur im Sand aufspüren. Ristelhuber zeigt mit „Tatsache / getan“ (1992) auf 21 gelbtonigen Fototafeln Stiefel, Decken, Panzerwracks, Einschläge, Patronenhülsen, Ölfeuer.

Es sind neue Bildkonzepte, die die Folgen des Krieges auch neu fassen. Adam Broomberg und Oliver Chanarin haben ein Bildarchiv zum Nordirlandkonflikt durchgearbeitet und Ausschnitte öffentlich gemacht, die bisher bewusst ausgespart wurden. „Menschen in Aufruhr Lachend zu Boden gestoßen“ (2011) ist eine Installation aus kreisrunden Bildern, deren Aussage kaum zu erkennen ist. Nicht jedes Konzept geht sichtbar auf.

Neben Berlin ist Hiroshima unwillkürlich ein Schwerpunkt, weil nichts vorher und nachher vernichtender war. Toshido Fukada dokumentierte die Pilzwolke am 6. August 1945, Matsumoto Eiichi den eingebrannten Schatten eines japanischen Wachsoldaten auf einer Holzwand 4,5 Kilometer vom Bodennullpunkt entfernt. Ken Domon zeigt 1961 Atomstrahlenopfer und Kikuji Kawada „Die Landkarte“. In Essen sind aus dem Fotobuch Doppelseiten als Aufsteller zu sehen: duotone, abstakte Strukturbilder aus dem Hypozentrum der Atomexplosion. Und Hiromi Tsuchida vergrößert Einzelteile aus der Hiroshima-Sammlung (1982–1995). Wie sieht eine Essensdose aus, ein Brillengestell 35 Jahre danach.

Die Kunstfotografie schafft visuelle Erfahrung. Das Wäldchen, das Chloe Dewe Mathews 2013 in Nordfrankreich aufgenommen hat, zählt zur Serie „Erschossen im Morgengrauen“. Es wird an den Tod von Fahnenflüchtigen im 1. Weltkrieg erinnert. Ein Naturbild, das das Grauen aufgesogen hat.

Ein Raum zur Stadt Essen zeigt, wie internationale Fotografen die Zerstörung der Kriegsindustrie nach 1945 dokumentierten. Außerdem breitet das Institut „Archive of Modern Conflict“ (London) collageartig Fundstücke aus Kriegen in romantisch-musealer Weise aus. Es gibt Fidel Castro als Superhelden an der Wand. Und in Vitrinen Handgranaten, Schiffsmodelle und Hufeisen. Hier wirkt die Erinnerung als Antiquität und Panoptikum zugleich. Seltsam.

Die Schau

Die Bildstrategien von Fotografen und Künstler zur Erinnerung an Kriegsfolgen. Nicht effektheischend, sondern nüchtern.

Conflict, Time, Photography im Museum Folkwang Essen.

Bis 5. Juli; di-so 10 bis 18 Uhr, do, fr bis 20 Uhr; engl. Katalog mit dt. Einleger 29,95 Euro;

Tel. 0201/8845 444

www.museum-folkwang.de

Quelle: wa.de

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