Der Comiczeichner Hendrik Dorgathen in Mülheim

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Igitt, wie komisch: Hendrik Dorgathens „Serious Pop“, zu sehen in Mülheim ▪

Von Annette Kiehl ▪ MÜLHEIM–Es brodelt und kocht in diesem schlangenartigen Wesen: Bläschen und Säfte quellen aus den rosafarbenen Fangarmen, eine rote Brustwarze blitzt angriffslustig hervor und das kugelrunde, leuchtend blaue Auge visiert den Betrachter. Das einäugige Ungetüm ist so absonderlich wie komisch und zeugt von der überquellenden Phantasie des Zeichners.

Hendrik Dorgathen gilt als einer der stilprägenden deutschen Comic-Künstler. Ganz spielerisch vereint er Kunstgeschichtliches und Trash, Gesellschaftskritik und eine große Freude am gezeichneten Bild. Nun stellt das Kunstmuseum Mülheim ihn in einer ersten großen Einzelausstellung vor: „Serious Pop“.

Comic-Zeichner – diese Berufsbezeichnung bei dem gebürtigen Mülheimer anzuwenden, ist irreführend. Die Bildergeschichten sind vielmehr ein Ausgangspunkt für sein Werk. Dorgathen bewegt sich als Künstler in einem Universum voller Querverweise und Anspielungen, die bei aller Vielschichtigkeit jedoch nie intellektuell verrätselt oder theoretisch wirken.

„My God. It‘s Full of Stars“, diese Weltraumcollage mit allerlei Fotos von Planeten und Astronauten zeigt seine staunende Begeisterung für Science-Fiction, die All-Eroberung und alles Technische. Er fühlt sich in einer Pop-Kultur, die Kunst unterhaltsam und leicht zugänglich präsentiert, offensichtlich wohl und nimmt sie ernst. Gleichzeitig nutzt er das populäre Medium Comic, um ganz offen Kritik an internationaler Politik und einer zerstörerischen Ausbeutung der Umwelt zu üben. „Fukushima – Shit Happens“ betitelte er eine Wandkarte, die ursprünglich aus dem Chemieunterricht stammen könnte. In seiner Bearbeitung mit Filzstift hat die Atomkernspaltung eine Explosion verursacht und einen verletzten Menschen durch den Raum geschleudert.

Dorgathen zerlegt die Comic-Welt in ihre Einzelteile und fügt sie neu zusammen: Rohre, Maschinen, Räder und allerlei anderes Gerät sind in einer Collage von 1998 durcheinander angehäuft. Erst bei näherem Hinsehen ist erkennbar, dass sich diese Einzelteile zu einer Art Roboterkopf zusammenfügen. An anderer Stelle ist ein Sammelsurium von zerrissenen und nicht mehr entzifferbaren Comic-Sprechblasen auf einem Blatt zu sehen: Es ist ein unverständlicher Wortschwall, eine Kakophonie, und damit ein ironischer Kommentar des Künstlers, eines Virtuosen des Comics ohne Sprechblase.

Hendrik Dorgathen, Jahrgang 1957, studierte nach dem Abitur zunächst Kunstpädagogik und Evangelische Theologie. Später wechselte er zum Kommunikationsdesign und arbeitet seitdem als Illustrator für Magazine wie Geo und die New York Times, aber auch für den Musiksender MTV, die Expo 2000 sowie für zahlreiche Comicbücher und Animationsfilme. Geschichten wie „Die Spore“ oder „Spacedog“ über einen kleinen Hund auf Weltraummission machten ihn populär. Seit 2003 ist Dorgathen Professor für Illustration und Comics an der Kunsthochschule Kassel.

Viele seiner Arbeiten scheinen mit ihren Robotern, Phantasiewesen und jeder Menge Aktion zunächst wie ein bildgewordener Jungentraum, doch sie basieren deutlich sichtbar auf seiner handwerklichen Souveränität. Die meist mit Tusche gezeichneten Comicstrips wirken dynamisch und spannend und strahlen durch Schattierungen etwas Geheimnisvolles aus.

Die Inspiration für seine Bilder findet Dorgathen oft in der Kunstgeschichte, und er greift in verschiedensten Phasen und Kulturen zu. Einige Zeichnungen haben surrealistische Elemente, an anderer Stelle erinnern Masken und mit groben Strichen skizzierte Figuren an die Kunst der Aborigenes. Im Obergeschoss des Museums hat er Vitrinen mit allerlei kaputtem Kinderspielzeug zu einer Pyramide aufgetürmt. Ohne eine ironisch-witzige Brechung kommt aber auch dieses Werk nicht aus: Oben thront ein Bildschirm mit einem blinkenden, leuchtend blauen Auge.

Hendrik Dorgathen: Serious Pop im Kunstmuseum Mülheim. Bis 21.10.; di – fr 11 – 17, do 11 – 21, sa, so 10 – 17 Uhr. Tel. 0208/ 455 41 71, http://www.kunstmuseum-mh.de

Skizzenbuch: Hendrik Dorgathen: „Holodeck“, Edition Moderne, Zürich, 36 Euro.

Quelle: wa.de

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