Comics und mehr von Winsor McCay in Dortmund

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Auf einmal auf dem Saurierkopf: Ein abenteuerlicher Moment aus der Little-Nemo-Folge vom 10. Oktober 1909.

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–Den verblüffenden Moment fand Winsor McCay todsicher. Harmlos lässt er Nemo und seine Freunde über die Hüte plaudern. Dann gibt es einen Schuss und viel Qualm. Und sie alle finden sich auf dem riesigen Kopf eines rosa Dinosauriers wieder, der sie anschaut. Neugierig? Hungrig? Am Ende erwacht Little Nemo immer in seinem Bett. Ob er als Riese mit seinem Freund Impie über die Hochhäuser von New York klettert. Oder mit seinem Luftschiff zum Mars fliegt, wo er die Atemluft vom kapitalistischen Herrscher Mr. Gosh kaufen muss. Egal wie gefährlich die Abenteuer aussehen, sie enden immer gut. Weil sie Träume sind.

Darauf verstand sich Winsor McCay (1869–1934). Er zeichnete die Geschichten von Little Nemo in Slumberland als Zeitungscomic. Die erste Seite erschien am 15. Oktober 1905 im Sunday Record-Herald in Chicago. In diesen frühen Meisterwerken entfaltete der Zeichner eine Phantasie, die nachwirkte bis in die Gegenwart. In der hinreißenden Ausstellung „Comics, Filme, Träume“ bietet das Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte eine Werkschau, die das Schaffen McCays in allen Facetten beleuchtet.

Die Wanderausstellung, kuratiert vom Sammler Alexander Braun, der auch die meisten Exponate zur Verfügung stellte, bietet so viel Material wie an keiner vorherigen Station. Rund 200 Originalzeichnungen, Zeitungsseiten und andere Objekte dokumentieren die Ausnahmestellung McCays in der Geschichte der grafischen Kunst. Er erscheint darin als ein Vorläufer der Surrealisten, die bei ihm viele Ideen hätten finden können, seien es die verlaufenen, gedehnten, verdrehten Figuren eines Dalí, seien es die Schwebefiguren eines Magritte. In den meisten Fällen muss man den Text gar nicht entziffern. Die brillante Grafik ist ein Genuss für sich. Und man merkt, wie fragwürdig die Unterscheidung zwischen E- und U-Kunst wird. Dass McCays grandiose Phantasien auf billigem Zeitungspapier gedruckt wurden, schmälert ihren Wert nicht.

Der Traum war McCays großes Thema. Der Sohn eines Geschäftsmanns in Michigan hatte zwar nicht Kunst studiert, aber professionellen Zeichenunterricht erhalten und als Werbegrafiker gearbeitet, ehe er 1897 bei einer heimischen Zeitung als Illustrator begann. 1903 ging er nach New York und wurde zu einem Star der Zeichnerszene. Die Schau dokumentiert ein bemerkenswert vielseitiges Werk, das auch Illustrationen zu politischen Leitartikeln und andere Gelegenheitsgrafik einschließt.

Zwei Serien sichern ihm den Nachruhm. Zum einen „Little Nemo in Slumberland“, die familientauglichen Erlebnisse eines Jungen im Traumland, inspiriert von seinem eigenen Sohn. In der ersten Folge lädt König Morpheus den Jungen ins Traumland ein. McCay findet immer neue Wege, die Zeitungsseite aufzuteilen zu einer spannungsvollen Gesamtkomposition. Zu Thanksgiving 1905 ließ McCay einen Truthahn auf das Format eines Kingkong oder Godzilla wachsen, der das Haus von Nemos Familie in die Luft wuchtet. Das Motiv steht in einem runden Bildfeld im Zentrum der Seite, alles ist darauf ausgerichtet. In einer anderen Folge soll Nemo auf einem Elefanten reiten, und McCay teilt die Seite in fünf blatthohe Felder auf und lässt das Tier dem Leser bedrohlich nahkommen.

McCay thematisiert sogar das Medium selbst. In einer Folge spielt er die Illusion durch, dass der Drucker Farben vergessen hat. Nemos Kumpel Flip telefoniert mit dem Drucker, fordert mehr Gelb, mehr Rot, und jedes Bild folgt diesen Kommandos, ein Virtuosenstück im Umgang mit Druckfarbe.

McCays andere legendäre Serie, ab 1904 erschienen, trug den kaum übersetzbaren Titel „Dream Of The Rarebit Fiend“. Sie richtete sich an Erwachsene, schaffte es deshalb nicht in die Sonntagsbeilage und war überwiegend schwarz-weiß gezeichnet. In jeder Folge hat eine andere Figur einen schlimmen Alptraum, weil sie abends noch einen „Welsh Rarebit“, einen schwer verdaulichen Käsetoast gegessen hat. Es sind rabiate Träume, oft mit sexuellen Untertönen. McCay ließ sich sogar von Lesern Träume in Briefen schildern, die er umsetzte. In einer Folge erleben die Leser aus der Perspektive eines Verstorbenen den letzten Weg vom Sterbebett bis ins Grab, und auf dem Friedhof sagt die Witwe zum Hausfreund, dass sie ihren Mann nie mochte und eigentlich ihn wollte.

Es ist folgerichtig, dass McCay zu einem Pionier des Animationsfilms wurde. Wesentliche Techniken entwickelte er, und sein Film „Gertie the Dinosaur“ von 1914, ein Meilenstein des Genres, ist in der Schau zu sehen. Im RWE-Tower gibt es ein Programm mit frühen Animationsfilmen.

Winsor McCay – Comics, Filme, Träume im Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund. Bis 9.6., di – so 10 – 17, do bis 20, sa 12 – 17 Uhr, Tel. 0231/ 50 25 522

http://www.museendortmund.de

Katalog 49 Euro

Quelle: wa.de

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