Collagen im Kunstmuseum Ahlen

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Ungeheuerlich: „Schneewittchens Sexter war ein Troubadour“ (1968/69) heißt das tongebende Objekt von Hubert Berke, das im Kunstmuseum Ahlen sein Eigenleben demonstriert.

Von Achim Lettmann -  AHLEN Ein wenig Mitleid weckt der junge Mann, den Jean Dubuffet in seinem Gemälde „Le Déchiffreur“ (1977) zeigt. Inmitten einer Collage scheint er überfordert – all die Zeichen, Strukturen und Farbfelder um ihn herum. Wer kann sie schon entschlüsseln? Das Kunstmuseum Ahlen stellt seinen Besuchern in den nächsten Monaten eine ähnlich unlösbare Aufgabe. Die Collage ist das übergreifende Thema.

Historische Positionen wie zeitgenössische Kunst werden mit großer Verve präsentiert. Denn wer Dinge zusammensetzt, schafft etwas Neues, und wer seine neue Welt erschafft, der spottet über die alte. Collage, das vom französischen „coller“ kommt und kleben meint, bedeutet in der Kunst oft Rebellion. Oder zumindestens sollen die Konventionen gebrochen werden, zu Anfang die der Malerei. So heißt die Ausstellung auch „Ruhe–Störung. Streifzüge durch die Welten der Collage“. Hier liegt etwas Magisches und Dynamisches in der Luft.

Insgesamt bietet das Projekt über 400 Exponate von 170 Künstlern: Jean Arp, Joseph Beuys, Marianne Brandt, Paul Citroen, Marcel Duchamp, Raoul Hausmann, Michael Buthe, Kurt Schwitters, Wolf Vostell... Dabei ist der eine Teil der Collagen-Schau in Ahlen zu sehen, der zweite Teil im Marta Herford, das mit den hohen Räumen der Architektur Frank O. Gehrys noch ganz andere Formate zulässt. In der Geschichte des Kunstmuseums Ahlen ist das Projekt der beiden Institutionen die vielleicht größte, aber bestimmt vielteiligste Ausstellung. Passend zum 20-jährigen Bestehen des Hauses, meint Museumsdirektor Burkhard Leismann.

Eigentlich hält einen jedes einzelne Exponat der Schau auf seine eigene Weise gefangen. Hubert Berkes mannshohes Materialobjekt „Schneewittchens Sexter war ein Troubadour“ (1968/69) gibt außerdem Töne von sich. Da kann man nur staunen, wie kess die Märchen-WG überführt wird. Zu hören sind Klöppelschläge und Holzklänge, ein Brummen, und die Gewissheit wächst, dass etwas Eigenartiges in diesem Ungetüm aus Metallstücken, Draht, Gittern, Holz und Locheisen stecken muss. Armes Schneewittchen.

Von Jean Tinguely sind drei kleine Bild- und zwei Toncollagen in Ahlen. Mit einem roten Knopf lässt sich „Radio WNYR No. 15“ anwerfen. Die Sprechspur ist nur mit ganz spitzen Ohren zu hören. Tinguely (1925–91) setzte Radioteile, Acrylglas und einen Elektromotor so zusammen, dass es funktionierte, aber fragmentarisch wurde. Berke und Tinguely sind im ersten Teil der Ahlener Schau zu erleben, die die „Vielstimmigkeit“ als Richtungsbegriff nimmt. Kurator Thomas Schrievers nennt noch „Flucht und Träume“, sowie „Unruhe und Aufbruch“ als Orientierung. Aber echten Halt bieten diese Worte nicht, denn die Ausstellung hat eine besondere Kraft, weil einen jede Collage lockt, das eigene Bild- und Seinsverständnis in Frage zu stellen. Die Schau ist ein Abenteuer.

Mal ist es Louis Goodmann, der Fundstücke in Kisten steckt und dabei mit Dingen ohne großen Wert düstere Träume anstößt. „Ausgestanzte Gummiringe mit Ärmchen“ ist so ein Albtraum. Für gepflegten Grusel sorgt Günter Weseler mit seinen Atemobjekten. Die Felle, die auf Suppentellern und im Brot liegen, bewegen sich langsam animalisch: „Tisch mit Atemobjekten und Essgerät“ (1975). Dagegen beruhigt Tony Cragg, der 140 blaue Plastikteile auf einer Wand feinsäuberlich ordnet und davor eine blaue Emailleschüssel stellt. „Choose your colours carefully“ (1981) zählt zu den wenigen Beispielen, die übersichtlich sind.

Niedlich wirkt der Blick zurück, wenn kleinformatige Materialcollagen aus dem 19. Jahrhundert die biederen Zeichnungen von Pärchen mit passgenauen Stoffstücken anreichern. Mann, Frau und Natur sind beklebt. Die Dadaisten eiferten Hobbykünstlern aus programmatischen Gründen nach und sprengten den Bildraum, um gesellschaftskritisch zu sein. George Grosz klebte aus Bildern einer Familienzeitschrift „Blick in die Unendlichkeit...“. Über einer Nordseeansicht mit Model und Horizont thront Hitler. Grosz war bereits im Exil und kommentierte von den USA aus, was ihn an Deutschland beunruhigte. Grete Stern entwarf wie Paul Joosten Gebäudecollagen oder 1951 einen surrealen Foto-Horror: In „Hoffnungslose Liebe“ geht eine Frau auf Distanz zu einem Schildkröten-Mann.

Von John Heartfield, der unvergleichliche Collagen zum Nationalsozialismus entwarf, gibt es keine Beispiele. Dafür aber viele freche Montagen, die bürgerliche Inkunabeln angehen, wie Leonardo da Vincis „Mona Lisa“. Laas Abendroths Montage zeigt Kulleraugen über der Malereiikone und die Aufforderung: „Dem Künstler eine knallen“ (2010). Andere Zeitgenossen lieben nicht die Dekonstruktion sondern die Konstruktion. Klaus Geldmachers Wandobjekt schimmert in Gelb, Rot, Grün und Blau. Eine Lichtkunst.

Es gibt in Ahlen und Herford unendlich viel zu entdecken: Traummaschinen, Fantasiewesen, Assemblagen, Wunderkammern, Alltagskunst, Holzschnitt- und Lamellenbilder... hingehen!

Die Schau

Ein selten gezeigtes Kunstsujet wird in seiner ganzen Vitalität ausgebreitet.

Ruhe-Störung. Streifzüge durch die Welten der Collage im Kunstmuseum Ahlen und im Marta Herford. Eröffnung Samstag, 15.30 Uhr; bis 26. 1. 2014. di-so 11–18 Uhr; Katalog 30 Euro; Tel. 02382/918335 www.kunstmuseum-ahlen.de

Eröffnung in Herford, heute, 19.30 Uhr; Tel. 05221/9944300; www.marta-herford.de

Quelle: wa.de

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