Coline Serreaus „Hase Hase“ in Münster

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Um Mama kreist alles: Mark Oliver Bögel (links), Regine Andratschke und Maximilian Scheidt in „Hase Hase“.

Von Ralf Stiftel MÜNSTER - Sein blauer Ballonseidenoverall sieht ein bisschen nach Raumanzug aus. Gleich in der ersten Szene zeigt Hase Hase seine außerirdischen Kräfte: Mit einem Schwung beider Arme zieht er die Wohnküche der Familie Hase aus der Unterbühne, wie an unsichtbaren Fäden. Und wenn Maximilian Scheidt im Großen Haus des Theaters Münster mit seinen Weltraumgenossen kommuniziert, dann spricht er zur Zuschauerin auf dem Balkon.

Coline Serreaus „Hase Hase“ packt anarchische Kritik am Kapitalismus in eine Art Science-Fiction-Märchen. Über die Familie Hase brechen Katastrophen aller Art herein: Marie lässt sich scheiden, Lucie verweigert am Traualtar das Ja-Wort, Jeannot wird als Terrorist gejagt, und auch Bébert studiert nicht Medizin, Hase fliegt zum dritten Mal vom Gymnasium, Papa hat seinen Job verloren. Und an der Tür klingelt der Gerichtsvollzieher. Wäre da nicht Mama Hase, die ein Mittagessen für Neun für 7 Euro 50 kochen kann und selbst den frostigsten Krisenanhauch mit familiärer Herzlichkeit überstrahlt, alles bräche zusammen. Die französische Bestsellerautorin hat in ihre 1986 uraufgeführte Komödie einiges vom anarchischen Geist von Dario Fo eingearbeitet. Die Terroristen-Söhne sind Sympathiefiguren, handeln gleichsam in Notwehr. Und gegen einen Militärputsch hilft sowieso nur außerirdische Magie.

In Münster inszeniert Christian Brey ein Spektakel. Die Wohnküche ist mit Wänden aus Kühlschränken möbliert (Bühne und Kostüme: Anette Hachmann). Mamas Einkäufe werden quer über die Bühne geworfen, ehe sie im freien Fach verstaut werden. Da hechtet Ilja Harjes auf der Flucht vor der Polizei in die Kühltruhe. Wenn Gérard Kleider, Schallplatten und Topfblumen von Lucie in den kleinen Raum zurückbringt, dann kommt er mal durch diese, mal durch jene Tür. Teller kleben an der Tischdecke. Und wenn man grad nicht weiter weiß, tanzen alle zu 80er-Jahre-Hits wie „Living In A Box“. Der Schwung lässt kein Publikum kalt: Zwei pausenlose Stunden vergehen im Flug, es wird gelacht und am Ende viel geklatscht.

Zumal das Ensemble Anlass zur Freude gibt. Regine Andratschkes Mama quatscht alle in Grund und Boden. Diese resolute Kümmerin meistert ja nicht nur das Familienchaos. Sie rührt auch mit ihrer Wendung ans Publikum, das sie um sieben Sekunden Solidaritätsweinen bittet. Maximilian Scheidt als Hase lässt uns seine Fremdheit wunderbar spüren, vom staksigen Gang bis zum Ton kindlicher Ahnungslosigkeit. Und Frank-Peter Dettmann als nervige Nachbarin Duperri ist eine Wucht.

Auch Brey macht vieles richtig. Trotzdem bleibt seine Inszenierung dem Stück einiges schuldig. Weil der Regisseur es als „charmante Sozialkomödie“ sieht und jede aggressive Geste besänftigt. In jedem Moment spürt der Zuschauer, dass nichts so böse gemeint ist. Das nimmt zum Beispiel den Schlussszenen um die Befreiung Béberts trotz allem Kunstblut die Wirkung.

Außerdem ist dem Regisseur die Verspieltheit durchgegangen. Wenn der Zuschauer längst verstanden hat, setzt Brey noch einen drauf. Der Running Gag, dass sich alle in der Wohnung Jacken anziehen, weil es dort kalt ist, vereist doch gerade die wichtigste Qualität von Mama Hase: ihre mütterliche Wärme. Wenn Hase auf dem Fahrrad fliegt wie einst Elliott mit E.T. im Kino, dann spricht das zwar die nostalgischen Affekte der Zuschauer an, und es lässt sie staunen, was das Theater kann. Aber Serreaus Stück ist da viel klüger. Es verrät erst ganz am Ende, dass Hase wirklich ein Außerirdischer ist und nicht bloß ein Jugendlicher, der in seine Fantasien flüchtet. Manches sieht hier gut aus. Aber das Stück wird entschärft und verflacht dabei.

21., 24.4., 8., 15., 17., 21., 27.5., Tel. 0251/ 5909 100,

www.theater-muenster-com

Quelle: wa.de

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