Christopher Isherwoods „Löwen und Schatten“

Von Ralf Stiftel ▪ Selten hatte ein Titel so wenig zu bedeuten und so viel zu sagen. „Löwen und Schatten“ ist eine Wendung aus einem Text von C.E. Montague. Christopher Isherwood gefiel die „gefühlige, romantische“ Passage, ohne dass er wusste, warum. Er nahm das als Titel eines Romans, dann überschrieb er das Buch seiner Jugend so. Eine private Anspielung voller verborgener, verdrängter Gefühle.

Isherwood (1904–1986) ist in Deutschland kaum berühmt. Musical-Fans kennen ihn zumindest indirekt: Das Musical „Cabaret“ beruht auf den Romanen, die der britische Autor über seine Zeit im Berlin der 1930er Jahre schrieb. Von den Tantiemen der Verfilmung kaufte sich der Autor in späteren Jahren ein Haus in Kalifornien. Im autobiografischen Werk „Löwen und Schatten“ lernt man Isherwood näher kennen, einen der wichtigen Intellektuellen Großbritanniens.

Der Untertitel „Eine englische Jugend in den zwanziger Jahren“ beschreibt präzise den Inhalt. Der Offizierssohn entstammte der Upper Class, aber er steht durchgehend in Distanz zur Oberklasse, für die seine Freunde und er später den Begriff „Schickokratie“ prägen. Isherwood schildert, wie er zum Schreiben kam, von der Schule über die Zeit als Student in Cambridge bis zum Aufbruch nach Berlin, wo er sich als Sprachlehrer durchschlug. Da war sein erster Roman freilich schon erschienen – und noch kein Erfolg.

Vieles versteht der Leser nur, wenn er weiß, dass Isherwood schwul war. Homosexualität steht unausgesprochen hinter dem durchgängigen Gefühl des Andersseins, mit dem er sich hier umgibt. Gleich am Anfang mokiert er sich über die Werte der Mehrheitsgesellschaft nach dem gewonnenen Weltkrieg (wobei Isherwoods Vater 1915 bei Ypern gefallen war), geißelt das „heuchlerische Geschwätz über Loyalität, Selbstsucht, Patriotismus, Kameradschaft und über jene Pflichtvergessenheit, die Schande über die Gefallenen brachte“. Er schließt Freundschaften und porträtiert zum Beispiel W. H. Auden und Edward Upward, mit dem er eine enge Freundschaft pflegte, der hierzulande aber noch unbekannter ist als er selbst. Das Buch liest sich über weite Strecken wie ein Roman. Die surreale Welt des Dorfs Mortmere um einen pädophilen Pfarrer, einen angelnden Trinker und weitere Exzentriker ersannen Isherwood und Upward gemeinsam, wilde Kriminalgeschichten. Bei diesen Männerbünden spricht Isherwood nicht von Homosexualität. An einer Stelle wird er explizit, spottet über die „homosexuelle Romantik“ und notiert hellsichtig, wie sich faschistische Herrscher ihrer bedienen.

Aber wer (außer einigen Dutzend Anglisten) will heute schon noch wissen, wie ein britischer Schwuler zum Schreiben fand? Es ist die Haltung des Autors, deretwegen man jede Seite genussvoll liest. Er führte als Schüler Tagebuch über eine Frankreich-Reise, und bedauert: „...wie sehr wünschte ich, ich hätte eine einzige interessante, eine einzige aufrichtige, eine einzige wirklich boshafte Beobachtung eingetragen!“ Das holte er nach, ohne sich zu schonen, immer auf der Suche nach „le mot juste“. Man lese nur, wie er seinen Freund W. H. Auden einführt, unter dem Namen Hugh Weston. Über eine Künstlerin, Verlobte eines Freundes, schreibt Isherwood: „Sie hatte einen voluminösen Pagenschnitt, einen Midlands-Akzent und das Gesichtchen eines attraktiven Pekinesen“. Über einen Cellisten merkt er an, der spiele sein Instrument, „als sei ein sehr schönes junges Mädchen in seinen Armen ohnmächtig geworden“. Für solche Sätze muss man den Mann einfach lieben.

Das Buch käme freilich nicht so bei uns an, hätte es nicht Joachim Kalka so stilsicher übertragen, auf Augenhöhe mit dem Verfasser. Er breitet in einem knappen Vorwort die Fakten aus, die man zum Verständnis braucht, und gibt einige hilfreiche Anmerkungen zu den erwähnten Personen und Büchern.

Christopher Isherwood: Löwen und Schatten. Deutsch von Joachim Kalka. Berenberg Verlag, Berlin. 317 S., 25 Euro

Quelle: wa.de

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