Christopher Brookmyres Thriller „Wer schlafende Hunde weckt“

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Christopher Brookmyre ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Eigentlich will Jasmine Sharp Schauspielerin werden. Aber der Einstieg in diesen Beruf ist schwierig, und man verdient nichts. Und so nimmt sie nach dem Tod ihrer Mutter den Job an, den Onkel Jim ihr anbietet: Assistentin in seiner Privatdetektei. Besonders talentiert stellt sie sich nicht an. Aber dann ist auf einmal ihr Onkel verschwunden. Und sie muss in einem Fall ermitteln, der sie ganz persönlich betrifft.

Der schottische Schrifststeller Christopher Brookmyre hat in seinem Krimi „Wer schlafende Hunde weckt“ dem Genre Detektivroman eine charmante Facette hinzugefügt. Überzeugend schildert er, wie seine Heldin in all ihrer Naivität und Unerfahrenheit in einen fetten Kriminalfall hineinstolpert. Schon fürs Überleben braucht sie alle Hilfe, die ihr angeboten wird, zum Beispiel die Unterstützung des zwielichtigen Tron Ingrams, ein Mann, dem man seine militärische Vergangenheit sofort ansieht, der gleich mal ein Killerkommando abwehrt, der aber auch von Onkel Jim befragt wurde und sich ziemlich verdächtig benimmt.

Was Brookmyres Buch die richtige Tiefenschärfe verleiht, ist die zweite Handlungsebene. „Where The Bodies Are Buried“, so der Originaltitel, ist zugleich ein Polizeiroman. Hier steht die erfahrene Ermittlerin Catherine McLeod im Mittelpunkt. Sie sollte eigentlich die Organized Crime Unit Special Forces leiten, aber man hat ihr Abercorn vorgezogen, einen glatten Diplomaten, den sie nicht unbedingt respektiert. Sie kennt sich aus, ihre Maxime lautet: „Wir sind hier in Glesca. Bei uns geht’s nicht um raffinierte Pläne, Feinheiten und Verschwörungen. Bei uns geht’s um dumme Wichser, die nach achtundvierzigstündiger Sauftour in einem paranoiden Wutanfall ihrer Freundin den Schädel einschlagen. Bei uns geht’s um zugekokste kleine Schläger, die jemandem vor dem Nachtclub auf dem Schädel rumspringen, weil er sie blöd angeglotzt hat. Bei uns geht’s um schießwütige Gangdealer, die andere schießwütige Gangdealer auf der Straße hinrichten, meistens als Vergeltung für eine fast identische Sache zwei Wochen vorher. … Bei uns kann man alles sofort durchschauen. Unsere Detektivgeschichten brauchen gar keinen Detektiv.“

Aber als James Allan MacDiarmid tot in einer Seitengasse gefunden wird, die rechte Hand eines Unterweltbosses, hat sie einen Fall, der offensichtlich nicht ins Glesca-Muster passt. Es gibt einen raffinierten Plan bei einer Falle für Drogendealer. Und es scheint, als spielten einige bei der schottischen Polizei nicht nach den Regeln des Gesetzbuchs.

Brookmyre zeichnet ein düsteres Bild von Glasgow, wo er lebt und wo dieser Roman spielt. Er spiegelt den gesellschaftlichen Strukturwandel in der kriminellen Branche: Die alten Gangster, sozusagen die Kaufleute der alten Schule mit soliden Anstandsregeln (nichts mit Drogen, keine zivilen Opfer), leiden unter der Globalisierung, die skrupellose, smarte, junge Kräfte auf den Markt bringt. Sehr schön springt Brookmyre von Kapitel zu Kapitel von der Amateurermittlerin zur Profikraft. Er erzählt mit trockenem Humor. „Wie hätten Sie Ihren Dealer gern?“ witzelt eine Polizistin an einem Tatort, wo gerade ein Mord durch eine Brandstiftung kaschiert werden sollte, „Blutig? Medium?“ Und er lässt seine Leser noch etwas lernen, zum Beispiel über die Leuchtkraft lange verblichener Leichen. Unbedingt lesenswert.

Christopher Brookmyre: Wer schlafende Hunde weckt. Deutsch von Hannes Meyer. Galiani Verlag, Berlin. 399 S., 19,99 Euro

Quelle: wa.de

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