Christina Paulhofer inszeniert Shakespeares „Sommernachtstraum“ in Bochum

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Die wollen unbedingt spielen: Szene aus dem „Sommernachtstraum“ in Bochum mit Nicola Mastroberardino, Kristina Peters, Minna Wündrich und Matthias Eberle (von links).

Von Ralf Stiftel BOCHUM - Elfenkönig Oberon verhext seine Gattin Titania, indem er ihr eine Plastiktüte über Mund und Nase zieht. Keine Augentropfen aus einer Blüte, sondern eine moderne Schnüffeldroge sorgt dafür, dass sie sich in den erstbesten Esel verlieben wird, ihr zur Demütigung, Oberon zur Schadenfreude. Shakespeares Magie wird von Regisseurin Christina Paulhofer am Schauspielhaus Bochum geerdet. Hier wirken Psychopharmaka. Der „Sommernachtstraum“ aber bleibt auf der Revierbühne ein bezauberndes Vergnügen.

In der Komödie lieben sie ja irgendwie alle, aber verkehrt. Herzog Theseus will Hippolyta heiraten, aber die zeigt sich spröde. Demetrius wurde die schöne Hermia versprochen. Sie aber ist sich mit Lysander einig, den wiederum Helena unerwidert begehrt. Theseus will aufräumen und verordnet eine Zwangsehe zwischen Demetrius und Hermia. Wie uncool, denken die Liebenden und fliehen in den Wald.

Selbst dort im Feenreich hängt der Haussegen schief, weil Titania ihrem Gatten den kleinen Lustknaben nicht überlassen will. Oberon und sein Diener Puck schaffen mit Drogen noch mehr Unordnung.

Zusätzlich sorgen die Handwerker für Verwirrung, bei Paulhofer arbeitslose Banker, die mit der Tragödie von Pyramus und Thisbe ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern wollen. Einer der Banker beteuert immer wieder: „Ich war das nicht.“ Es sind solche kleinen Verschiebungen, mit denen die Inszenierung die alte Komödie ganz nah ans Heute rücken. Titania führt ein Doppelleben als Partyqueen, hat große Auftritte mit Pfauenfederkrone und einem Hofstaat aus Tänzerinnen (aus dem Urbanatix-Team), mit denen sie sich bei Technobeats verausgabt. Solche großen Bilder sind eine der Stärken des Abends.

Im Zentrum freilich stehen die vier jungen Leute mit ihren Gefühlsverirrungen. Paulhofer zeigt sie als vertaute Clique, die sehr direkt körperlich miteinander umgehen. Dem ungeliebten Demetrius (Matthias Eberle) spuckt Hermia (Kristina Peters) in die ausgestreckte Hand. Die Freundinnen klatschen sich ab. Liebe zeigt Hermia, indem sie Lysander (Nicola Mastroberardino) auf die Arme springt. Oder indem sie unbeholfen tanzt zu seinem holprigen Vortrag des Beatles-Hits „Across The Universe“. Und als die erst verschmähte Helena (Minna Wündrich) sich auf einmal von beiden Jungs umschwärmt sieht, pinkelt sie sich vor Schreck ein. Selbst solche heiklen Szenen führen die Darsteller sehr natürlich aus. Zauberhaft, wie Peters sich als etwas spröde Hermia den zudringlichen Lysander vom Leib hält, sich nicht auf seine Decke legt, sondern unter ein T-Shirt schlüpft und ihn allein mit Blicken zurückweist. Und auf dem Höhepunkt der Verwirrung gibt es gar eine Prügelei in Zeitlupe.

Paulhofer arbeitet mit szenischen Leitmotiven, um die Komödie zu modernisieren. Das sind zum Beispiel die Drogen, die nicht nur Oberon einsetzt. Auch Banker John (Shakespeares Squenz, Florian Lange) zieht sich eine Linie Koks in die Nase. Das sind die Hits der Beatles. Wenn Oberon seine Liebestüte ansetzt, stimmt er das psychedelische „Strawberry Fields Forever“ an. Und Puck, den Günter Alt wunderbar mürrisch und träge verkörpert, ein massiger Kerl in Sesamstraßen-T-Shirt und Lederjacke, der singt sehr melancholisch „Help“.

Michael Schütz gibt den Theseus als Politiker mit den großen Podiumsposen. Als Oberon hingegen ist er seiner Frau nicht gewachsen, da muss er zu List und Ko-Tüte greifen. Katharina Linder spielt spiegelbildlich die Hippolyta als verhuschtes Frauchen und trumpft als Feierbiest Titania auf. Die allerdings verfällt im Rausch dem vereselten Jonathan. Jürgen Hartmann braucht für einen furiosen Auftritt nur etwas Kunstfell, setzt im übrigen allein Gesten und Sprache ein, indem er in seine abgehackten Sätze ab und zu ein Iii-ah hineinjauchzt.

So gestaltet Paulhofer einen „Sommernachtstraum“ mit einer klaren Struktur, einer rauschhaften Stimmung und einem spielfreudigen Ensemble. Großer Jubel.

15., 23.5., 6., 18.6.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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