Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle in der Essener Philharmonie

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Christian Thielemann dirigiert die Sächsische Staatskapelle Dresden in der Philharmonie Essen. ▪

Von Edda Breski ▪ ESSEN–Ein Berg von einer Sinfonie ist die Achte Anton Bruckners, ein alpiner Gipfel der sinfonischen Kunst. In Essen wurde er nun zum Saisonauftakt bestiegen. Angereist war die Staatskapelle Dresden unter Christian Thielemann, der nach Querelen und seinem Ausstieg in München ab 2012 die Leitung des Dresdner Edelklangkörpers übernimmt.

Die Philharmonie Essen hat in den vergangenen Jahren mit einer Brucknerserie auf sich aufmerksam gemacht. Da gab es den Bruckner-Zyklus unter Leitung von Marek Janowski sowie immer wieder herausragende Einzelkonzerte, etwa 2009 mit dem Pittsburg Symphony Orchestra, das unter Manfred Honeck die Vierte spielte, und 2010 eine atemberaubende Interpretation der Siebten durch das Bayerische Staatsorchester unter Kent Nagano. Die Achte stand, so ist es Tradition, solo auf dem Programm, kein weiteres Werk, auch keine Zugabe beeinflusste den gewaltigen Eindruck. Thielemann orientierte sich an der Klangmagie seines großen Vorbildes und Mentors, Herbert von Karajan, zelebrierte Tonschönheit wie er, ließ breit spielen und nahm sich für die Vorbereitung der Höhepunkte Zeit, um die gewaltigen Klangmassen eindrücklich anrollen zu lassen. Dazu kam eine zwingende Rhythmik, die die ausufernden Sätze zusammenhielt. Fünf Minuten zu spät fing Thielemann an, fortan wirkten Anfang und Ende seiner Sätze zeitlich genau geplant, wie abgezirkelt. Disziplin und Klangmagie ergaben eine monumentale Fassung der Achten, nicht auf Spannung, sondern auf Genauigkeit getrimmt. Das gab den äußerst präsenten, hochkonzentrierten Musikern im Orchester Gelegenheit, ihre Qualitäten herzuzeigen. Immer wieder hieß es Herhören und Staunen: als im ersten Satz die Violinen ein fahles Flageolett spielten und die Wagnertuben butterweich einsetzten; als im Finale des Kopfsatzes das Piano verdämmerte bis zur Bleiche. Thielemann erzielte eine hohe energetische Dichte, führte die Linien kraftvoll, verzögerte sie gerne auf den dramatischen Akzent hin. Die nervöse Energie des Scherzo trieb er hoch und wandelte sie um in Gewichtigkeit. Zwischendurch pflegte er einen elegisch-tragischen Stil mit angerauten Streichern. In der Solostelle der Violinen und Harfen im Scherzo klang das auch mal klotzig. Der dritte Satz, das riesenhaft angelegte Adagio, dauerte bei Thielemann statt der üblichen 26 fast 30 Minuten. Aus einem Heraufdämmern wie aus tiefster Bedrängnis in den ersten Takten entwickelte er eine sich schier unmerklich entwickelte Steigerung auf das erlösende Finale hin, das eine geradezu sinnliche Qualität gewann. Wieder setzte er Phrasen kantig gegeneinander ab, unterbrach scheinbar den Fluss des immensen Adagios, das durch den unerbittlichen Rhythmus doch zusammengehalten wurde. Deutlich arbeitete er die Wagner-Effekte Bruckners heraus: etwa die Tuben über den flutenden und ebbenden Violinen. Thielemann ist ein großartiger, manchmal genialer Dirigent. Leider ist ihm das allzu bewusst, in jeder Minute. Die Sätze strotzen vor Gewichtigkeit. Den Finalsatz führte er durch seine Zerklüftungen hindurch zu einer Wucht, einer langsamen Gewalt, die die Anwesenden im Saal sekundenlang nach dem letzten Takt schweigen ließ. Für diese Leistung fiel Thielemann seinem Primgeiger um den Hals.

Quelle: wa.de

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