Chris Martin – Staring into the Sun in der Kunsthalle Düsseldorf

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Spirituelle Malerei: Chris Martins Bild „Midnight“ (2002–2004) ▪

Von Annette Kiehl ▪ DÜSSELDORF–Chris Martin zeigt seine Gemälde am liebsten draußen: An Häuserfassaden, in Einfahrten oder auch in Bäumen hängend. Dass die Bilder der Witterung und dem Zugriff von Passanten ausgesetzt sind, macht ihm keine Sorgen. Er glaubt daran, dass die Kunst als Kraftquelle in die Mitte der Gesellschaft gehört. „Staring into the Sun“, ein rot-blau leuchtendes, sperrig in den Raum ragendes Gemälde aus rauen Holzpaneelen, bildet den Energiespender seiner Schau in Düsseldorf und gibt ihr den Titel. Mitten in der Kunsthalle strahlt es. Schade, dass es nicht, wie einige seiner Bilder, im Freien zu sehen ist.

Die Ausstellung ist eine Europapremiere. Bislang wurden die Werke des 1954 geborenen US-Amerikaners hier nur in Galerien präsentiert. Das mag daran liegen, dass dessen Kunst vom Betrachter die Achtsamkeit und Offenheit fordert, die auch der Künstler ihr widmet. Denn Spiritualität, der Glaube an ein soziales Miteinander und an die Heilung durch Kunst bilden hier die Basis. Vielfach sind die Werke von religiösen und weltlichen Symbolen durchzogen, die schützend die abgebildeten Menschen umgeben. In einigen porträtiert Martin unumwunden psychedelische Pilze und Eindrücke des Rausches.

Zu seinen prägendsten Erfahrungen zählt der in Yale ausgebildete Maler seine kunsttherapeutische Arbeit mit HIV-kranken Menschen und seine Indienreisen. Diese Entwicklung und seine ganzheitliche Leidenschaft sind ungewöhnlich in der Kunstszene des Jahres 2011. Mitunter wurde Martins Stil deshalb despektierlich als „80er-Jahre-Mischung“ mit Einflüssen von Julian Schnabel, Keith Haring und Sigmar Polke bezeichnet. Doch gerade seine Geschichte und Haltung machen diese Ausstellung interessant. Hier ist sichtbar, dass hinter den Werken stets eine genaue, vielschichtige und durchaus spielerische Auseinandersetzung steht.

So greifen die drei Holzpaneelen in „Staring into the Sun“, dem neuen Beitrag zum gleichnamigen Zyklus, die Struktur der Leichenzüge und Pilgerscharen auf, die durch die indische Stadt Varanasi zu Scheiterhaufen ziehen, um der Hindu-Göttin Shiva zu huldigen. Gleichzeitig reflektiert Martin das Phänomen des Sehens, denn die Form der Bretter erinnert an die Stäbchen und Zäpfchen der Netzhaut. „Direkt in die Sonne sehen, das sollte man nicht tun“, sagte Martin mit Blick auf seine Bilderserie – und ahmte deshalb den Eindruck einer Blendung mit Rot- und Blautönen nach.

Einen großen Teil der Kunsthallenschau nehmen Bilder ein, die Martin einigen Künstlern widmet. Stets sind es Menschen, deren politisches oder kulturelles Engagement er verehrt, und gerade die schwarze Musikszene zieht den Sohn einer reichen, weißen Familie aus Washington an. Bob Marley, James Brown, aber auch der Avantgarde-Komponist Karlheinz Stockhausen sind in der Reihe der Hommagen vertreten. Und immer wieder: Amy Winehouse. Zeitungsbilder der vor einigen Monaten verstorbenen Soul-Sängerin finden sich unter anderem auf den rauen Holzbrettern des Werkes „Staring into the Sun“ und ein „Painting for the Protection of Amy Winehouse“ (Gemälde zum Schutz von Amy Winehouse) hängt im Treppenhaus. Liebevoll hat Martin diese Collage noch einige Jahre vor dem Tod der rebellischen Künstlerin gestaltet: Sie zeigt ein Foto der zerzausten Winehouse, umgeben von orientalischen Nazar-Perlen. Sie sollen böse Blicke abhalten.

Chris Martin - Staring into the Sun in der Kunsthalle Düsseldorf..Bis 15.1.2012, di – so 11 – 18 Uhr. Tel.: 0211/8996240, http://www.kunsthalle-duesseldorf.de

Katalog: 28 Euro

Quelle: wa.de

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