Choreografien von Xin Peng Wang und Edwaard Liang in Dortmund

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Marissa Parzei als Mondengel in Xin Peng Wangs Choreografie „Full Moon No Constancy“ in der Oper Dortmund.

DORTMUND - Eine sachliche Romanze ist dieser Pas de deux von Monica Fotescu-Uta und Howard Quintero Lopez. Xing Peng Wang lässt im Dortmunder Opernhaus in seiner Choreografie „Full Moon No Constancy“ seine Solisten kühl und routiniert agieren. Sie spulen die klassischen Muster tänzerischer Zweisamkeit ab: das Heben, Halten, Anlehnen, Auffangen. Nur eben ohne jede Innigkeit.

Von Elisabeth Elling

Diese getaktete, zielgerichtete und manchmal auch aggressive Geschäftigkeit schnürt Kostümbildnerin Rosa Ana Chanza Hernandez in schwarze Tape-artige Trikots. Das Gegenprinzip ist eine engelhafte weiße Figur: Marissa Parzei traumwandelt in wallenden Tüllschichten über die Bühne. Das strenge Gewusel der Gruppe, das streckenweise auf Spitze getanzt wird, registriert sie allenfalls beiläufig – wie der Mond auf seiner fernen Umlaufbahn. Auf ein Mond-Gedicht des englischen Romantikers Percy Busshe Shelley bezieht sich Wangs 45-minütiges Nachtstück.

Es ist der zweite Teil des Tanzabends „Feine Jade“, für den der Dortmunder Ballettdirektor neben seiner eigenen noch eine Arbeit des taiwanesisch-amerikanischen Kollegen Edwaard Liang ausgewählt hat. Zwei ausdrucksstarke Positionen des neoklassischen Balletts sind in Dortmund zu erkunden.

In einem Solo dehnt und spannt sich Parzei ganz selbstbezüglich, während die raffinierte Verspiegelung des Bühnenbaus (HC Gilje) sie in die Mitte von Wasserwellen setzt, die sich von ihr weg ausbreiten. Was für ein Kontrast zu den Stacheldraht-Linien, die zuvor per Videoprojektion über den Boden gespannt wurden und denen die Tänzer wie fremdgesteuert folgen. Immer schneller und komplexer wird das Geflecht; dazu lärmt Michael Gordons „Industry“.

Wangs Choreografie tippt mit energievoller, athletischer Eleganz immer wieder alltägliche Erfahrungen von Rastlosigkeit, Beschleunigung und Vereinzelung an, die er oft abstrahiert. Doch es gibt auch erzählerische Passagen, die Wang so großartig beherrscht: Zum Beispiel eine pantomimisch geprägte Szene, in der der Mondengel einen Selbstmord versucht, jedoch rechtzeitig aufgefangen wird – und diesen Moment des Fallenlassens und der Aufmerksamkeit der Anderen zu genießen beginnt. Beim nächsten Suizid greift indes niemand mehr ein. Wang lässt dies lankonisch von Francois Couperins Barock-Miniatur „Les Barricades Mysterieuses“ untermalen.

Edwaard Liang geht anders mit der Musik um. Seine Choreografie „Immortal Beloved“ ist eine Versenkung; sie illustriert bis in einzelne Impulse hinein das 1. Violinkonzert von Philip Glass (1987). Liangs Ausstattung sind schlichte schwarze und rötliche Kostüme sowie Kronleuchter an der Decke und am Boden. Den Sog der Musik und ihre orchestrale Wucht übersetzt er in elegische Szenen mit verschiedenen tänzerischen Entsprechungen, doch immer in großen Bögen. Im dritten Satz etwa bauschen sich die weiten Röcke der Tänzerinnen zum Auflodern der Musik. Im ersten Satz formen die Hände der Tänzer die melodischen Linien der Geige nach.

Besonders spannungsreich ist sind die Pas de deux, deren traditionelles Vokabular Liang bald unterläuft. Ohnehin steht der treibende Puls der Musik einer Beruhigung entgegen. Liang lässt die Tänzer untereinander wegtauchen, sich einander entziehen und entfernen. Und wenn sich Monica Fotescu-Uta im Rückwärtssprung spektakulär in die in die Umklammerung von Howard Quintero Lopez wirft, ist das ein Angriff und kein Anschmiegen.

Quelle: wa.de

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