Choreografie über den Orpheus-Mythos: Thomas Noones „Descent“ in Münster

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Körperbetonter Tanz in Münster: Szene aus der Choreografie „Descent“ mit Maria Bayarri Perez.

Von Edda Breski MÜNSTER - Die Geschichte von Orpheus und Eurydike ist in der Kunst deswegen ein Dauerbrenner, weil sie so vielfältig interpretierbar ist. Wer will, kann eine Erzählung von einer buchstäblich unsterblichen Liebe erkennen. Der begabte Götterliebling folgt seiner Frau in die Unterwelt, um sie wieder ins Leben zu führen.

Aber eigentlich ist es eine Geschichte, die davon erzählt, dass der Mensch leben muss im Angesicht des Todes. Am Theater Münster erzählt die Tanztruppe eine Geschichte von Rausch, Verlust und wieder Rausch. Der einstündige Tanzabend, zu sehen im kleinen Haus, heißt „Descent“, Abstieg, ein bewusst offen gelassener Begriff. Erarbeitet wurde er von Thomas Noone.

Unter der Ägide des Gastchoreografen zeigt sich, in welche Richtung sich das Tanztheater in Münster entwickelt. In den zwei Spielzeiten unter Tanzchef Hans-Henning Paar hat die Truppe einen rasend schnellen, sinnlichen, oft glamourösen Stil entwickelt. Paar verbindet eine gut konsumierbare Süffigkeit mit dem Anspruch, die Möglickeiten des Tanztheaters aufzufächern. Unter Noone zeigen die Tänzer, wozu sie fähig sind. Die Choreografie ist unglaublich temporeich und abstrahiert die Geschichte stark, denn Noone erzählt nicht, er bringt Zustände auf die Bühne: Gefühle, die der Rausch davonreißt. Er definiert auch keine Rollen, sondern lässt aus der Gruppe einzelne Tänzer hervortreten, die die Gruppe wieder einsaugt.

Maria Bayarri Perez tanzt die Eurydike. Sie ist definiert über das Gefühl des Begehrtseins, sowohl Orpheus als auch Hades beanspruchen sie. Die Rolle muss unglaublich kräftezehrend sein, Perez ist fast immer auf der Bühne und muss das hohe Tempo über eine Stunde durchhalten. Ihre klare, moderne Ausstrahlung verleiht der Eurydike zusätzlich Distanz. Sie bewegt sich, aber hat sich in sich selbst zurückgezogen. Neben ihr wirkt Orpheus (Erik Constantin) jung, fast ein wenig fohlenhaft und ratlos.

Noone gibt den beiden einen beeindruckenden Gegenpol: Der lange, schmale, in seiner Würde anrührende Keelan Whitmore als Hades beansprucht Eurydike, weil sie für ihn eine Art energetischen Kanal darstellt zu Gefühlen von Liebe und Lebensgenuss. Die ebenfalls lange, schlanke und stets kühle Agnes Girard ist seine Persephone. Sie wünscht sich Orpheus, wie Hades die Eurydike will, aber sie hat auch Mitleid. Noone spielt unauffällig darauf an, dass in der griechischen Sage Eurydike und Persephone beide Verschleppte sind. Girard ist, wie in den vorhergehenden Produktionen, eine Erscheinung für sich. Ihre Persephone ist, ähnlich wie ihre Gräfin Geschwitz in „Lulu“, bei aller Kantigkeit streng und sehnsüchtig zugleich.

Die Gruppe holt sich das Quartett immer wieder zurück; so entstehen Szenen von starker Intensität. Damit überwindet Noone auch das Strukturproblem des Abends: Wenn er nicht erzählt, kann sich auch nichts entwickeln. Die Tänzer müssen ihre Charaktere aus dem Augenblick heraus erschaffen. Zweites Problem: Der Tanzraum ist durch fünf hohe Tore zu betreten (Bühne: Harald Sassen). Noone definiert aber weder das Draußen noch das Drinnen, wohl um sich noch weiter vom Originalmythos zu entfernen. Wozu aber dann überhaupt ein Bühnenbild? Radikalerweise könnte man „Descent“ auch einfach so mitten unter den Zuschauern aufführen.

Die elektronische Musik von Jim Pinchen, die speziell für „Descent“ entstanden ist, reißt mit: Man hört raue Klangflächen, metallisches Tropfen, jagende Streicherfiguren. Noone doppelt Bewegungen, teilt die Gruppe auf, um durch verschobene Einsätze noch mehr Wucht zu kreieren. „Descent“ ist spannend anzuschauen, auch weil man Paars Tänzer vorher wohl noch nicht so stark gesehen hat.

13., 24., 29.1., 6., 13.2., 4., 7., 9.3., Tel. 0251/ 59 09 100, www.theater-muenster.de

Quelle: wa.de

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