Der Chinese Ai Weiwei stellt in Duisburger DKM aus

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Fünf Regenmäntel hat der Künstler Ai Weiwei in Duisburg ausgebreitet. ▪

DUISBURG–Der Blick bleibt unberührt: gelassen, klar, freundlich. So schaut Ai Weiwei auf dem ersten Foto, auf dem er die Urne in den Händen hält, in die Kamera. Das zweite Bild, das den Moment zeigt, in dem der chinesische Künstler das historische Gefäß fallen lässt, zeigt den gleichen Gesichtsausdruck. Ebenso das dritte Schwarz-Weiß-Bild, das Ai Weiwei vor den Scherben des wertvollen Stückes zeigt, die Hände noch in der Luft. Von Annette Kiehl ▪

„Dropping a Han Dynasty Urn“, das Dokument einer Performance von 1995, steht im Mittelpunkt der Retrospektive zu Ai Weiwei im Duisburger Museum DKM. Kurator Roger M. Buergel, Chef der letzten Dokumenta XII, will mit der Ausstellung „Barely Something“ die Aufmerksamkeit auf das Werk des prominenten Künstlers richten. Schließlich sei die Schau aus einer „Entnervtheit“ über die mediale Erscheinung Ai Weiweis entstanden. Die öffentliche Darstellung des Regimekritikers stünde in einem Missverhältnis zum Verständnis seines Werkes, sagt Buergel.

So stellt der Kurator, der Ai Weiwei bei der Dokumenta 2007 einen deutlichen Bekanntheitsschub versetzte, die Formensprache in den Vordergrund. Reduziert und klar sind die Räume in dem Privatmuseum gestaltet. Sie orientieren sich in ihrer Farbgebung an den White, Grey und Black Cover Books – Anthologien von Ai Weiwei. Im weißen Raum liegen einige Tonscherben auf dem Boden, nahe den Fotos zum Urnen-Fall. Dazu ein Regal mit dreißig großen Glasbehältern, die den Staub fein gemahlener neolithischer Tongefäße enthalten („Dust to Dust“, 2009). In einer Vitrine steht eine bauchige Han-Vase, die Ai Weiwei 1994 mit dem berühmten Coca-Cola-Schriftzug bemalte.

Dieser Raum spürt der Vergangenheit nach; dem Kult um Objekte. Die Tongefäße, rund 4000 bzw. 2000 Jahre alt, sind mit Mythen belegt, wertvoll und verehrt. Sie tragen das Versprechen von Erinnerungen aus dem Ursprung des chinesischen Reiches in sich. Auch den Schlüssel zu dessen Verständnis? Mit seiner Auseinandersetzung mit den Symbolen und auch mit ihrer Zerstörung fragt Ai Weiwei nach der Gültigkeit dieses hohen Anspruchs und dieser Befrachtung mit Bedeutung. Gleichzeitig thematisieren die Gefäße die chinesische Kulturrevolution in den 1960er Jahren, die das Kaiserreich radikal in eine klassenlose Gesellschaft umwandeln wollte und die reiche Kulturtradition des Landes wegzuwischen versuchte. Ai Weiwei hat diese in seiner Jugend unmittelbar erlebt. Sein Vater, ein bekannter chinesischer Dichter, musste jahrelang in der Provinz Latrinen säubern. Der gleichgültige Blick des Künstlers beim Fall der Urne ist eine Anklage an diese Politik, an der Zerstörung und der Leere des Bewusstseins, die der Revolution folgten.

Man spürt die Tiefe der Erfahrungen Ai Weiweis in der Ausstellung. Die charakteristischen Coca-Cola-Buchstaben auf der Vase sind keine platte Ironie. Vielmehr deuten sie auf die Verbindung von Kulturrevolution im Osten und vermeintlich demokratischer Konsumkultur im Westen. Letztere erlebte Ai Weiwei bei einem zwölf Jahre langen Aufenthalt in New York. Auch sie entpuppte sich in seinen Augen als leeres Versprechen und vielmehr noch als Zwang.

Mit anderen Stücken, wie der Porzellanskulptur „The Wave“ oder dem aus gepresstem Tee aufgebauten „Tea House“, führt Kurator Roger M. Buergel in die Themen ein, die Ai Weiweis Werk prägten. Sie belegen sein Interesse an den ikonenhaften Bildern und Gütern der asiatischen Kultur, kommen ohne Sensationswert aus.

Von dem politischen Engagement des bloggenden Regimekritikers ist das Werk dennoch nicht zu trennen. Die Röntgenaufnahmen seines bei einem Polizeiüberfall verletzten Schädels sind im Museum DKM zu sehen, genauso wie acht Stühle aus dem Zusammenhang seiner Dokumenta-Aktion „1001 Chinesen“, für die er Landsleute nach Kassel brachte. So macht Ai Weiwei seine Forderungen nach einer Demokratisierung Chinas unmissverständlich klar. Mitunter jedoch auch in Form der stillen Anklage.

Die Installation „4851“, die in der Galerie DKM im Duisburger Innenhafen ausgestellt ist, ist leicht zu übersehen. Der Raum, der von außen durch die Fenster besichtigt werden kann, wirkt zunächst leer, die asiatischen Klänge aus dem Lautsprecher sind ganz leise. Erst bei näherem Hinsehen entdeckt man den schwarzen Laptop auf dem nackten Betonboden. Kleine chinesische Schriftzeichen laufen als Videoschleife senkrecht über den schwarzen Bildschirm. Es sind die Namen chinesischer Schulkinder, die bei einem Erdbeben in Sichuan 2008 starben. Wahrscheinlich, weil gerade Schulgebäude mangelhaft und unsicher gebaut wurden. Mit anderen politischen Aktivisten erforscht Ai Weiwei dieses von der Regierung vertuschte Unglück. Allein die Feststellung der Namen der Toten ist für die Gruppe ein politisches Wagnis. Seine Schädelverletzungen durch die Polizei führt Ai Weiwei auf diese Recherchen zurück.

Die Schau

Kunst mit eigener Formensprache und politischer Aussage.

Ai Weiwei: Barely Something im Museum DKM in Duisburg. Bis 20. September, fr - mo, 12 bis 18 Uhr. Das Werk „4851“ kann rund um die Uhr in der Galerie DKM im Innenhafen besichtigt werden. Katalog 30 Euro; Tel. 0203 / 93 555470 http://www.stiftung-dkm.de

Quelle: wa.de

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