Chick Corea begeistert beim Klavierfestival

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Bestens aufgelegt: Klavierfestival-Stammgast Chick Corea in der Philharmonie Essen.

ESSEN - Er hat es wieder getan. Zum 14. Mal gastierte der US-Jazzpianist Chick Corea beim Klavierfestival Ruhr. Sogar die Zugabe war eine Wiederholung. Wie schon vor fünf Jahren spielte Corea seinen Evergreen „Spain“, und wieder wurde der Pianist am Ende zum Dirigenten. Da wandte er sich zum Publikum, ein Fingerzeig genügte, und alle sangen die kurzen Phrasen nach, die der Meister am Flügel vorgab. Ungeprobt antworteten viele Zuhörer. Und ziemlich intonationssicher.

Fast drei Stunden lang unterhielt Corea das Publikum in der ausverkauften Philharmonie Essen bestens. Man merkt dem Musiker seine mittlerweile 77 Jahre nicht an. Forsch betrat er mit seinen Partnern die Bühne, dem Bassisten John Patitucci und dem Schlagzeuger David Weckl, mit denen er seit mehr als 30 Jahren zusammenarbeitet. Schon vor dem ersten Ton gab es viel Applaus, und Corea zückte das Mobiltelefon, um die Fans zu fotografieren – für seinen Instagram-Account.

Das immerhin war neu. Corea gastierte zwar schon solo im Ruhrgebiet, mit Orchester, mit Fusion-Formationen, im Duett mit Sänger Bobby McFerrin und mit dem Pianisten Herbie Hancock. Aber im klassischen Format des Piano-Trios war er beim Klavierfestival noch nicht zu hören. Das Repertoire freilich war frei von Überraschungen. Einige seiner vielen eigenen Kompositionen, einige Standards, zwei Stücke von Duke Ellington. Corea ist Stammgast beim Klavierfestival – und viele Zuhörer in Essen offenbar auch. Und sie wollten gar keine Experimente, sondern einfach Variationen der Musik, die sie kennen und schätzen.

Sie bekamen, was sie erwarteten. Corea und seine Mitstreiter führten repräsentativ durch das Werk. Keiner der (inclusive Zugabe) zehn Songs dauerte weniger als zehn Minuten. Meistens führte Corea unbegleitet zwei, drei Minuten lang am Flügel in das Stück, dann setzte die Band ein, Patitucci spielte ein Solo, Weckl trommelte etwas, Reprise von der Band. Das Konstruktionsmuster für diese Art Jazz stammt aus den 1930er, 1940er Jahren, und es hat sich unverwüstlich gehalten bis heute.

Coreas Musik besticht durch ihre Eingängigkeit. Über diesem treibenden, samba-basierten Latingroove gehen Stücke wie das eröffnende „Morning Sprite“ und „Lifeline“ bestens ins Ohr. Corea und seine Partner sind natürlich perfekt eingespielt, da sitzt jeder Break, da gehen die Unisono-Passagen reibungslos. Was nicht selbstverständlich ist, ist die Spielfreude, die lockere familiäre Atmosphäre des Konzerts. Man nimmt den drei Virtuosen ab, dass sie auch in die hundertste Aufführung von „Sophisticated Lady“ noch Liebe und Interesse einbringen. In seiner Introduktion brachte Corea höchste Schwierigkeitsgrade unter, ummantelte das Thema mit Akkordvariationen, raute es mit Dissonanzen auf, intonierte ein paar Takte im Stride-Stil, um dann einige rasante Triller wirbeln zu lassen. Patitucci strich sein Solo mit dem Bogen, und so hätte es klingen können, wenn Stéphane Grappelli Bassgeige gespielt hätte. Und man findet so schnell gewiss keinen Drummer, der die Wirbel so weich schnurren lässt, der so präzise mit aufgelegten Sticks arbeitet wie Weckl.

Dass Corea sich beim Klavierfestival so zuhause fühlt, hat auch mit seiner Neigung zur Klassik zu tun. Schon seine Einleitung zum „Japanese Waltz“ ließ Debussy und Ravel anklingen. Nach der Pause intonierte er eine Sonate von Scarlatti, die er langsam mit Bluesharmonien durchsetzte, ehe er mit der Band in einen rasanten Fusiongroove verfiel.

An diesem Abend brauchte das Publikum keine Überraschungen. Drei gut aufgelegte Virtuosen, die die alten Lieder und die alten Tricks noch perfekt beherrschen, genügen für langen Jubel.

Quelle: wa.de

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