Chick Corea begeistert beim Klavier-Festival

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Gut gelaunter Jazz-Klassiker: Pianist Chick Corea beim Klavier-Festival Ruhr in Essen.

Von Ralf Stiftel ESSEN - Die gute alte Zeit lässt Chick Corea an diesem Abend wieder aufleben. Da atmet in der Philharmonie Essen die Gitarre das volle Flamenco-Aroma. Da rührt die Folge fallender Akkorde das Gitano-Herz im Fan. Und Corea klatscht mit den Händen den spanischen Rumba-Takt. Man fühlt sich in die frühen 1970er Jahre versetzt, als der Pianist den Fusion-Jazz miterfand. Dabei schreiben wir 2013. Er gastiert mit seiner Formation „The Vigil“ beim Klavier-Festival Ruhr.

Mitreißend war das Konzert, in dem der 72-Jährige vor allem Rückschau hielt auf sein Werk. Und das überwiegend mit Kompositionen von der aktuellen CD „The Vigil“. Die Themen sind frisch, aber die Rhythmen, die Harmonien, die kleinen Tricks haben wir alle schon gehört. Das könnte furchtbar werden. Aber weil das Sextett auf der Bühne mit bester Laune und großer Frische ans Werk geht, fühlen sich die Zuhörer bestens unterhalten.

„Zum Aufwärmen“ beginnt Corea mit der einzigen Fremdschöpfung des Abends, mit Tadd Damerons „Hot House“. Den Bop-Klassiker verlegt die Band in die Karibik, Corea setzt in seinem Solo die charakteristischen Akkordfolgen des Rumba ein. Drummer Marcus Gilmore und Percussionist Luisito Quintero heizen mit Polyrhythmen ein. Keine Komposition wird unter 15 Minuten abgehandelt, jeder bekommt sein Solo – und das sind keine trockenen Pflichtübungen, sondern pure Spielfreude. Der Chef erfüllt seinen Begleitern einen Herzenswunsch: Jeder darf ein Stück ansagen. Welch ein Spaß!

Corea blickt zurück, aber nicht mit den alten Stücken, sondern indem er deren Klang heraufbeschwört. „Planet Chia“ ist betitelt wie ein Song von „Return To Forever“, wo der Jazzrock immer auch einen Beigeschmack von Science Fiction hatte. Aber das Stück greift auf die „spanischen“ Elemente in Coreas Musik zurück. „Portals To Forever“ erinnert an die erste Formation von Coreas Band, deren Sound noch mehr brasilianische Leichtigkeit als Rock-Bombast hatte, mit hingetupften E-Piano-Akkorden, lyrischer Flöte und beschwingter Percussion. Und nach einem dann doch recht robusten E-Gitarren-Solo von Charles Altura wechseln sie in einen geradlinigen Bop-Rhythmus. Der Jüngste auf der Bühne wirkt geistesabwesend, wenn er die Finger übers Griffbrett flitzen lässt. Virtuos sind seine Soli, aber manchmal auch kopflastig.

Nach der Pause kommt ein Klassiker: „Romantic Warrior“ von 1976, aber in einer entschlackten, geerdeten Version, in der jedes Solo bluesig anhebt, um nach einigen Minuten in einen behenden Samba-Groove abzuheben. Hier zeigt auch der britische Saxophonist Tim Garland seine Qualitäten mit kraftvollen Linien, begleitet nur von Bass und den Schlagzeugern. Christian McBride reißt bei seinem Solo eine Bass-Saite – und es zeugt für seine Klasse, dass er nach einem kurzen „Sorry“ weiterspielt, als hätte er alles so geplant. Und auch beim nächsten Stück meint er auf Coreas Frage, dass ihm drei Saiten genügen.

Corea schließlich ist in bester Form, flinkste Läufe gehen ihm mühelos von der Hand, auch an E-Piano und Synthesizer zeigt er noch alle Tricks. Und wenn sie sich in der Zugabe über das Concierto de Aranjuez endlich an Coreas bekannten Klassiker „Spain“ herangeschlichen haben, dann wird der Pianist gar zum Entertainer. Ein Fingerzeig genügt, dann gibt er eine Phrase am Piano vor, der Saal antwortet und kommt selbst mit schnellen Läufen und queren Intervallen klar. Mehr als zwei Stunden animierter Jazz, großer Jubel.

Quelle: wa.de

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