Chassidische Geschichten von

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Jiri Mordechai Langer in einem späten Porträt.

Von Ralf Stiftel Dieses Buch ist eine späte Neuentdeckung. 1937 erschien Jiri Mordechai Langers Sammlung „Die neun Tore. Geheimnisse der Chassidim“ in Prag. Es ist eine Sammlung jüdischer Heiligengeschichten, wie es sie ähnlich auch von Martin Buber und Gershom Scholem gibt. Aber Langers Texte unterscheiden sich von anderen Sammlungen dadurch, dass der Autor sie sozusagen aus eigenem Erleben niedergeschrieben hat.

Es sind faszinierende Geschichten, die den Glauben überaus irdisch auffassen. Da gibt es den großzügigen Rebbe Reb Smelke, der einem Bettler einst einen kostbaren Ring schenkte. Sein Eheweib klagte: „Dieser Ring hat schließlich 400 rheinische Gulden gekostet!“ Und der Autor preist die Heiligkeit auch dieser Frau, die wohltätig und milde war: „Ihr überaus kostbares Herz hätte sie mit den Armen geteilt. Aber vierhundert rheinische Gulden sind vierhundert rheinische Gulden. Die wirft man nicht so einfach raus.“ Der Rebbe hört auf sie und lässt den Bettler zurückholen, „zur Freude seiner Frau“. Und er sagt ihm: „Hör zu, ich habe gerade erfahren, dass dieser Ring vierhundert rheinische Gulden wert ist. Pass also auf, wenn du ihn verkaufst, dass man dich nicht übers Ohr haut...“

Im Sommer 1913 brannte Jiri Mordechai Langer durch. Er verließ sein gutbürgerliches Elternhaus in Prag, um ins galizische Belz zu ziehen, zu den Chassidim. Für die Familie war das ein Schlag. Er selbst hielt es nicht lange aus dort, in der rückständigen, weltfremden, armen und schmutzigen Gegend. Er kam zurück – und schockierte erneut, weil er die Tracht der Chassiden trug, die Schläfenlocken, einen schäbigen schwarzen Rock. Wie ein Sektenangehöriger wirkte er im gut situierten Mitteleuropa. Sein Bruder Frantisek hat die Wirkung auf die Mitmenschen gut beschrieben

Langer kehrte noch einmal zu den Chassiden zurück. Er blieb dieser mystischen Form des Judentums bis zu seinem Tod verhaftet, auch wenn er später wieder nach Prag kam und dort das Leben eines Privatgelehrten führte. Er beschäftigte sich mit westlicher Literatur und Wissenschaft, auch mit Freuds Psychoanalyse. Knapp entkam er dem Holocaust mit dem Schiff über die Donau, zog sich dabei aber eine tödliche Krankheit zu. 1943 starb er, 49 Jahre alt, in Tel Aviv.

Die liebevolle Neuedition und Neuübersetzung bietet auch eine Fülle von Hintergrundinformationen, wie Frantisek Langers Aufsatz über seinen Bruder. Vor allem aber einen Text, der in jedem der neun Tore (oder Kapitel) über einen anderen Rabbi (oder mehrere) erzählt. Wundergeschichten, Alltagsweisheiten, Begebenheiten, die von einem tiefen Humor durchdrungen sind, ohne den Bezug zum chassidischen Glauben je zu verlieren.

Langer fängt großartig den Plauderton dieser Anekdoten ein und holt die Leser in eine magische Welt des Ostjudentums. Brüche und Probleme blendet er nicht aus. Die Rabbis geraten untereinander in Streit, und Reb Irele will dem Reb Majrl sogar die magischen Kräfte nehmen, weil der so indiskret ist. Und man erfährt auch, dass Reb Slojmele vor dem Altar von Kosaken erstochen wird, den Märtyrertod stirbt. Und die Bauern in der Schenke zwingen den Rebbe Reb Zise in der Schenke sogar, für sie zu tanzen, bis er vor Erschöpfung umfällt. Es zeugt von der Größe der Chassiden, wie sie damit umgehen. „Auf der Welt gibt es nichts Schlechtes“, heißt es. „Alles ist in Wirklichkeit gut. Es hängt nur davon ab, ob wir unser Teil in Liebe, Demut und Ergebenheit annehmen wie unser lieber Rebbe Reb Zise.“ Und darum spricht der Erzähler selbst von den antisemitischen, grausamen Bauern als den „lieben“ Bauern. Die sanfte Ironie, die da ins Spiel kommt, holt den Chassiden aus der Opferrolle. Er behält die Deutungshoheit über die Situation, wenigstens das.

Diese Kombination aus tiefer Frömmigkeit und Verschmitztheit findet man kaum so schnell noch einmal. Damit berührt dieses Buch selbst ungläubige Leser. Oder gerade sie.

Jiri Mordechai Langer: Die neun Tore. Deutsch von Kristina Kallert. Arco Verlag, Wuppertal/Wien. 400 S., 28 Euro

Quelle: wa.de

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