Charles C. Mann beschreibt in „Kolumbus’ Erbe“ den ersten Globalisierungsschub

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Er veränderte die Welt: Die Landung von Cristóbal Colón in San Salvador, wie sie sich ein Maler vorstellte.

Von Ralf Stiftel Globalisierung ist ein modernes Phänomen? Weit gefehlt. In seinem Buch „Kolumbus’ Erbe“ erklärt der amerikanische Wissenschaftsjournalist Charles C. Mann, dass mit den Expeditionen Cristóbal Colóns ein neues Zeitalter begann. Das Homogenozän. Erstmals entstanden weltweite Netzwerke des Handels und Kriegs, und vom Bakterium über den Mais bis zu Sklaven wurden Lebewesen in neue Lebensräume gebracht, die sie grundlegend veränderten.

Die Erde wurde von Grund auf umgestaltet. Und weil den Europäern gelang, „große Teile Amerikas, Asiens und, in geringerem Maße, auch Afrikas in ökologische Abbilder Europas zu verwandeln“, erlangten sie entscheidende Vorteile, die es ihnen ermöglichten, ihre Kolonialreiche zu erobern.

Mann legt hier keine eigenen Forschungsergebnisse vor. Aber er hat sich an die Schauplätze begeben, und er fasst Erkenntnisse gut verständlich zusammen, die dem Leser einen neuen Blick auf die Welt ermöglichen. Wer außer einigen Biologen wusste denn schon, dass es vor der Ankunft der Europäer in Nordamerika keine Regenwürmer gab? In den Schiffen segelten auch sie über den Atlantik und veränderten für immer die Wälder, machten sie lichter und trockener.

Mann behandelt sein Thema nicht umfassend, das hätte den Rahmen seines Buches gesprengt. Er sucht sich sozusagen Handlungsstränge heraus und zeigt an ihnen Zusammenhänge. Spanien zum Beispiel war so aktiv im Entdeckergeschäft, weil es so viele Kriege führte. Die Könige brauchten ständig Kapital. Das lieferte ihnen dann Lateinamerika in Form von Silber, das wiederum die Chinesen benötigten, weil sie ihre Währung darauf aufgebaut hatten. Vorher hatte China, das um 1600 höchst entwickelte Land der Erde, kein kommerzielles Interesse am unterentwickelten Europa. Mit dem Silber zum Beispiel aus den ergiebigen Minen im heutigen Bolivien änderte sich das.

Mit dem Silber kamen auch Nutzpflanzen, zum Beispiel die Kartoffel. Die Veränderungen, die Mann beschreibt, sind extrem, und es fällt schwer, sie einfach positiv oder negativ zu bewerten. Die Kartoffel beendete in vielen Weltregionen den Hunger. Aber die Monokulturen, in denen sie angebaut wurde, sorgten auch dafür, dass sie anfällig wurde für Kartoffelkäfer. Was wiederum Missernten und neue Hungersnöte zur Folge hatte.

Mann baut immer wieder Spannungsbögen auf, die selbst schon bekannte Einzelfakten in ein neues Licht rücken. Der Sklavenhandel wurde vor allem durch den Import der Malaria nach Amerika befeuert: Schwarze waren an die Krankheit angepasst und konnten arbeiten, während Europäer reihenweise starben. Die Verbreitung der Malariamücken deckt sich mit der des Menschenhandels.

Mann führt uns an Schauplätze, schildert plastisch den Alltag in der Silber-Boomtown Potosi, beschreibt die Plantagen aus Gummibäumen, die unter sich alles andere Leben vernichten, umreißt den gewaltigen Entwicklungsschub, den Europa durch amerikanisches Guano nahm, Vogelkacke, die als Dünger landwirtschaftliche Erträge vervielfachte. So oft wie möglich führt er uns auch an die handelnden Personen heran, so dass die Ereignisse Namen und Gesichter bekommen. Entflohene Sklaven boten zum Beispiel unter der angolanischen Prinzessin und Heerführerin Aqualtune den Europäern die Stirn und errichteten eigene Staatsgebilde, die jahrzehntelang allen Eroberungsversuchen trotzten.

Mann erzählt von Esteban, einem Mann aus Marokko, der im 16. Jahrhundert als Sklave mit einem Konquistador nach Amerika kam. Esteban machte durchaus Karriere, war seinem Herrn nützlich, diente als Führer und sorgte unter anderem dadurch für das Überleben kleiner Expeditionstruppen, dass er gegenüber den Indianern als Schamane auftrat. Seine Spur, berichtet Mann, verliert sich zwischen dem heutigen Arizona und New Mexico. Wurde er getötet? Die Version der Zuni geht so, dass sie den Wunderheiler behalten wollten und ihm darum die Unterschenkel amputierten. „So habe Esteban noch viele Jahre gelebt, … auf dem Rücken liegend, die Beine ausgestreckt, die Stümpfe stets mit sauberen Tüchern umwickelt.“

Ein großartiges Buch, das unser Wissen bereichert und mit abenteuerlichen Geschichten unterhält.

Charles C. Mann: Kolumbus’ Erbe. Deutsch von Hainer Kober. Rowohlt Verlag, Reinbek. 807 S., 34,95 Euro

Quelle: wa.de

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