Charles Lambs Essays: „Eine Abhandlung über Schweinebraten“

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Charles Lamb auf einem Porträt von William Hazlitt.

Von Ralf Stiftel Bei manchen Büchern weckt schon der Titel unwiderstehlichen Appetit. So geht es mir mit Charles Lambs Band „Eine Abhandlung über Schweinebraten“ .

Der Londoner Schriftsteller (1755–1834) schwärmt in dem Text, dass dem Leser das Wasser im Munde zusammenläuft: „Es gibt, will ich behaupten, keinen Geschmack, der sich vergleichen ließe mit dem der knusprigen, gebräunten, wohlüberwachten, nicht zu scharf gebratenen Kruste – dem crackling, wie man so hübsch sagt. Unsere Zähne sind eingeladen, bei diesem Bankett ihr eigenes Vergnügen zu haben, indem sie den koketten, ein wenig spröden Widerstand überwinden und gleichzeitig dann diese anhaftende Öligkeit genießen – o nennen wir es nicht Fett! - es ist eine undefinierbare Süße, die sich nur in Richtung des Fettigen bewegt, die zarte Frühblüte des Fettes; Fett, in der Knospe beschnitten – als frischer Trieb geerntet, in erster Unschuld...“ Und hier ist Lamb noch lange nicht fertig mit der detailverliebten Beobachtung und Aufgliederung seines Genusses. Man muss viele Schweinebraten verzehren, um das so sinnlich beschreiben zu können.

Lamb gehört zu den großen britischen Essayisten des 19. Jahrhunderts. Hierzulande ist er ein Fall für Fachleute. Das ändert vielleicht die schmale, feine Auswahl, die Joachim Kalka ausgewählt und übersetzt hat. Der Mann hatte ein ereignisarmes Leben, das von einer Katastrophe bestimmt wurde. Im Jahr 1796 tötete seine psychisch kranke Schwester die Mutter. Lamb überließ sie nicht einer Irrenanstalt, sondern lebte mit ihr zusammen, als Junggeselle. Er schrieb sogar Bücher mit ihr, recht erfolgreich waren Nacherzählungen von Shakespeares Dramen. Lamb hatte einen Brotberuf im Büro zunächst der South Sea Company, später der East India Company.

Daneben schrieb er seine Essays, erfahrungssatte, fein beobachtete, von milder Ironie getränkte Texte zu alltäglichen Erscheinungen. Eine Reihe davon erschienen unter dem Pseudonym Elia. Das gab ihm unter anderem die Gelegenheit, mit seiner Schule abzurechnen, der Christ’s-Hospital-Schule. Es ist zugleich eine Abrechnung mit sich selbst: Unter eigenem Namen hatte er zuvor eine Lobeshymne verfasst. Jetzt packt er aus, erzählt vom schlechten Essen, von strengen Hausregeln und vom Lehrer, der beim Prügeln die Parlamentsdebatten in der Zeitung las, „einen Absatz, und dann einen Streich“.

Essays sind hier keine philosophischen oder theorieschweren Abhandlungen. Lamb schreibt über das London um ihn herum. Das berührt den heutigen Leser auch da, wo sein Leben ganz anders aussieht. Lamb widmet dem Tischgebet einen Aufsatz, der das Verhältnis von Ritual und moralischem Verhalten seziert. Er schreibt über Galanterie und verrät viel über das Geschlechterverhältnis im vorvictorianischen England. Und dann schwärmt er wieder – von seinem ersten Theaterbesuch.

Elf Essays führen zurück ins England der Industrialisierung und der Romantik. Hinzu kommt ein literaturwissenschaftlicher Aufsatz des Anglisten Norbert Miller über den Briefwechsel Lambs mit Coleridge, der den Autor zusätzlich im literarischen Leben der Epoche verortet und in dem man einige Kostproben von Lambs lyrischem Schaffen bekommt.

Charles Lamb: Eine Abhandlung über den Schweinebraten. Ausgewählt, übersetzt und mit einem Vorwort von Joachim Kalka. Berenberg Verlag, Berlin. 176 S., 20 Euro

Quelle: wa.de

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