Cecilia Bartoli begeistert im Konzerthaus Dortmund mit Opernarien und toller Stimme

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Rosen nach dem Auftritt im Konzerthaus Dortmund: Cecilia Bartoli. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ DORTMUND–Der Mann am Schlagwerk lässt Grillen zirpen und aus der hohlen Hand ein Käuzchen rufen. Helle Glöcklein besäuseln das Einschlummern. Und Cecilia Bartoli selbst gähnt vernehmlich. Wenn sie zur Nacht singt, dann so richtig.

Im Konzerthaus Dortmund gab die Mezzosopranistin einen überwältigenden Arienabend mit Werken des italienischen Komponisten Agostino Steffani (1654-1728). Begleitet wurde sie vom Kammerorchester Basel. Das Publikum feierte ihre außerordentlichen Begabungen: ihre betörende stimmliche Gestaltungskunst und ihre Qualitäten als Entertainerin.

Steffani ist die jüngste Ausgrabung der Bartoli. Die Römerin hatte in den Vorjahren Arien von Gluck und Vivaldi aufgenommen, das spektakuläre Repertoire der Kastraten oder das der im 19. Jahrhundert berühmten Sängerin Maria Malibran. Nun also die CD „Mission“ (Decca), deren Titel sowohl auf Bartolis Bemühungen um den Vergessenen wie auf dessen abenteuerliches Leben anspielt. Steffani wurde in Rom und Paris musikalisch ausgebildet, zum Priester geweiht, komponierte Kantaten und im Laufe der Jahre 17 Opern. Währenddessen lebte er in München, Hannover, Düsseldorf und Heidelberg, diente seinen verschiedenen fürstlichen Herren als Diplomat und der römischen Kirche im Mutterland des Protestantismus als wenig erfolgreicher Rekatholisator. 1728 starb er verarmt in Frankfurt/Main. Eine bewegte Biografie, aus der Krimi-Autorin Donna Leon das Buch „Himmlische Juwelen“ machte – es erschien pünktlich zum Start der CD.

Drastisch sind auch einige der anderthalbdutzend Opernarien, die die Bartoli für ihren Dortmunder Auftritt ausgewählt hat. Gleich die erste: Sie betritt die Bühne in smaragdgrün-blauer Robe und mit einem scheppernden Tambourin, ruft und rasselt die „Unbesiegbaren Krieger“ („Sciere invitte“) zur Plünderung Roms. Oder sie pocht mit hoch gezogenen Augenbrauen auf Wut und Rachlust: „Non prendo consiglio“ ist eine Miniatur über Beratungsresistenz. Wenn sie am Ende noch einmal ihre Krieger an die Waffen beordert, machen die die fabelhaften Orchestermusiker den Antwortchor: „All‘armi!“

Die Baseler Barockspezialisten fühlen sich in die Affekte von Steffanis Musik ein, verströmen dabei honigfarbenem Schönklang. Sie zelebrieren das Pathos seiner Ouvertüren und lassen auf angeschlagenen Geigensaiten die Flussnymphen einer Ballettmusik antrippeln. Julia Schröder ist eine charismatische Konzertmeisterin, die von ihrem Platz vorne links aus das gemeinsame musikantische Vergnügen koordiert.

Trompeter und Oboistin dürfen zum Wettstreit gegen die Bartoli ran, deren Paradedisziplin auf der Bühne. Abwechselnd schraubt man sich hoch, hier noch ein Schnörkel, dort die Arabeske noch viel verfieselter. Während der Trompeter vorlegt, wechselt sie mit dem Cembalisten bedenkliche Blicke – und sticht das Blech dann locker aus. Ihren Triller lässt in ein Kichern auslaufen: „Hähähä!“.

Hier ist es eine Pointe und vielleicht auch Selbstironie, doch genau das ist die Gabe dieser Sängerin: Ihr geschmeidiger, beweglicher und wohligwarmer Sopran beherrscht die Koloraturartistik wie wenige andere – doch nicht bloß als verblüffendes Ziergezwitscher. Sondern als feinnerviges Ausdrucksvermögen, das den Emotionen und ihren ständigen Veränderlichkeiten nachspürt: Bartolis Koloraturen sind ausnahmsweise auch hämisch, doch vor allem toben und triumphieren sie – so in den vier Zugaben, darunter drei Händel-Arien. Steffanis Musik bezaubert jedoch mit ihren leisen, schmerzlich-schönen introvertierten Tönen.

Und davon gibt es an diesem Abend viele. Schlichte Liedzeilen („Fosci crepuscoli“) oder die Entsagungsseufzer des Opernhelden Tassilone mit den gaumigen Piani, in denen sich Bartolis Sopran einzurollen scheint. Und ihre langen Sopranlinien über dem Wogen der Streicher und den kleinen Glöckchen in der Erschöpfungs-Arie des Amphion aus Steffanis Oper „Niobe“.

31.5. 2013, Philharmonie Essen

Quelle: wa.de

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