CD-Box „Tango – An Anthology“ stellt argentinische Musik vor

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Der Bandoneon-Virtuose Astor PIazzolla revolutionierte den argentinischen Tango ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Tango: Schon das Wort weckt Bilder von lasziv tanzenden Paaren, die sich kunstvoll neigen, umeinander schlingen, elegant über das Parkett gleiten. Es gibt gute Gründe, den wirklichen Tango zu entdecken, diese raue, erotische Musik aus dem Land der Gauchos. Eine üppige Box mit 15 CDs bietet nun die Gelegenheit dazu: „Tango – an Anthology“ (Sony Music).

Die argentinische Nationalmusik ist heute nicht so populär wie die Rumba des Buena Vista Social Club, die Bossa Nova oder andere südamerikanische Rhythmen. Vielleicht ging er einfach zu früh um die Welt. Schon in den 1920er Jahren schrieb Friedrich Hollaender ein erfolgreiches Chanson: „Guck doch nicht immer nach dem Tangogeiger hin“.

Die Sammlung schöpft aus den Archiven der Plattenfirmen RCA Victor, Columbia und Microfón. Man erlebt eine Zeitreise von den 1920er Jahren bis ins 21. Jahrhundert. Und schon das Orquesta Tipica Victor bietet mit „Viejo Rincón“ alles, was typischen Tango ausmacht: Den zackigen Vier-Achtel-Rhythmus, die Melodieführung zwischen Bandoneon und Violine, die Atmosphäre von Melancholie und Leidenschaft. Aber schon das Trio Ciriaco Ortiz stellt alle Sicherheiten in Frage: Es spielt in „Amor y celos“ (1931) deutlich im Dreiviertel-Takt, einen „vals“, und das Bandoneon paart sich mit Gitarren. Natürlich hört man Aufnahmen des größten Tangostars, des Sängers Carlos Gardel, zum Beispiel seinen Hit „Mano a mano“ (1927).

Die politischen Verhältnisse in Argentinien waren alles andere als stabil, da wechselten Phasen der Demokratie mit Militärdiktaturen. Zwischen den 1930er und 1950er Jahren gab es parallel zur wirtschaftlichen Blüte des Landes dank seinen Exporten zum Beispiel von Fleisch ein goldenes Zeitalter des Tangos. Mit dem Putsch gegen Péron von 1955 brach auch die Popularität des Tango ein, wurden andere, internationale Musikrichtungen gefragt. Die Musik passte sich an, so gab es eben in der Hochzeit des Tango die großen Orchester zum Beispiel von Juan D'Arienzo, Carlos di Sarli, Aníbal Troilo und Osvaldo Pugliese. Von ihnen allen findet man Aufnahmen. In dieser Epoche verwandelte sich der Tango von einer Musik der Kneipen in eine der Konzertsäle. Man höre nur das „Concerto en la Luna“ (1946), in dem das Orquesta Osmar Maderna mit den Klangfarben spielt und die Muster des sinfonischen Klavierkonzerts in nicht mal drei Minuten ausführt. In dieser Ära entstanden auch Klassiker wie „La Cumparsita“, hier zu hören von Juan d'Arienzo y su orquesta típica (1943) mit fein austarierten Verlagerungen der Melodie über die Instrumente. Auch Hugo del Carrils „Adios Muchachos“ (1946) hat man bestimmt schon mal gehört, wenn auch nicht in dieser Version mit pathetischem Gesang zu Gitarren. Die Tangosänger hatten es anfangs nicht leicht, viele Texte waren mehrdeutig, und das zahlungskräftige bürgerliche Publikum liebte die sozialkritischen Schlager der Frühzeit nicht. So bildeten sich die Muster heraus, die von unglücklicher Liebe handelten, von verlassenen Männern und zerstörerischen Frauen.

Die Krise in den 1950ern bot auch die Chance zu kreativen Neuanfängen. Vor allem kleinere Ensembles veränderten den Tango, öffneten ihn für andere Einflüsse, setzten auf neue Konstellationen. Man hört das sehr schön in den Aufnahmen des Trios Federico – Berlingeri, das Elemente des Jazz aufgreift. Und El Cuarteto San Télmo legt viele Melodieparts auf die Gitarre, die von Django Reinhardt inspiriert scheint („Guardia vieja“, 1965).

Der größte Neuerer des Tango war allerdings der Bandoneon-Virtuose Astor Piazzolla, dessen Kompositionen inzwischen von klassischen Ensembles ebenso interpretiert werden wie von Jazz-Solisten. Sein „Libertango“ wurde in der Version der Popsängerin Grace Jones zum Welthit. Leider hört man in der Kompilation weder Piazzollas Original noch „I've Seen That Face before“. Man hat zwei Blöcke mit seiner Musik, mit seinem Quintett und mit Konzertmitschnitten, in denen er den charismatischen Sänger Roberto Goyeneche begleitet. Die aktuellsten Aufnahmen stammen von den Sängerinnen Lidia Borda und Soledad Villamil.

Für den Tangofreund ist die Anthologie eine Fundgrube, gerade weil viele historische Aufnahmen anderswo nicht greifbar sind. Aber bei aller Fülle ist doch für den Einsteiger das markante Klangbild recht eintönig. Die Sammlung verschenkt Chancen, weil sie sich auf die Archivschätze einiger Labels konzentriert, statt mehr Facetten dieser Musik zu beleuchten. Man muss ja nicht jeden Musiker mit drei oder sechs Titeln vorstellen. So fehlen einige der wichtigsten Beiträge eben doch. Allein Piazzolla hätte viel mehr Stoff zu bieten gehabt, insbesondere seine Kooperation mit Jazzmusikern wie Gerry Mulligan und Gary Burton hätte hierher gehört. Man hätte unbedingt den Saxophonisten Gato Barbieri einbeziehen müssen, dessen Musik zu Bertoluccis Film „Der letzte Tango in Paris“ einen Grammy gewann. Von neueren Entwicklungen, den Verbindungen von Tango mit Rock und Pop oder auch dem Electrotango des „Gotan Project“ ganz zu schweigen.

Quelle: wa.de

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