Ben van Cauwenberghs „Irish Soul“ an der Aalto-Oper Essen

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Denis Utila und Alena Gorelcikova als komisches Paar in der Essener Choreographie „Irish Soul“. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ ESSEN–Grün, regnerisch, melancholisch, trinkfest: All die Klischees über Land und Leute zitiert die Choreografie „Irish Soul“ im Essener Aalto-Theater. Ballettdirektor Ben Van Cauwenbergh begeistert das Publikum wieder einmal mit einer Gala, die klassischen Tanz und zeitgenössische Elemente verbindet. Diesmal fächert er Irland-Postkarten auf, bewegte Bilder in Hochglanz-Optik.

Kratzigkeit, wie sie etwa mit den schafwollenen Aran-Pullovern durchaus auch zu den Irland-Attributen zählt, lässt Van Cauwenbergh aus. Am ehesten könnte noch die Kobold-Figur des Lepruchaun die glatte Eleganz ein wenig aufmischen. Doch Adeline Pastor, die durch viele Szenen irrlichtert, zeigt ein zwar kauziges, aber doch harmloses Gnomwesen: neckisch, wieselflink, athletisch, sprunggewaltig.

Getanzt wird auch sonst auf höchstem technischen Niveau. Der Abend beginnt mit einer pathetischen Ensembleszene. Aus grünschimmerndem Nebel lösen sich Paare, die sich in erhabener Langsamkeit zur Gruppe formieren. Sie bilden eine zerklüftete Erhebung, einen Felsen: Wie das Land, so das Corps de ballet.

Solche Illustrationen bietet „Irish Soul“ mehrfach, vor allem im ersten Teil, der Natur und Landschaft thematisiert. So lässt Van Cauwenbergh etwa die Meeresbrandung tanzen, lässt Wellen wogen und Wassermassen sich überschlagen: effektvolle Kombinationen von Hebefiguren und Gleitbewegungen, die das Rauschen vom Band und das auf die Hinterwand projizierte Wellenbild gar nicht benötigen (Ausstattung: Van Cauwenbergh, Ulrich Lott). Echtes Wasser gibt es auch noch, das kommt von oben. Es verleitet zu immer wilderen Schlinderpartien. Zuvor haben Tänzerinnen, die auf ihren Spitzenschuhen klappern, nur ein lindes Tröpfeln bestellt.

Van Cauwenberghs Bewegungsvokabular verblüfft oft. Es erdet mit seinen Anschaulichkeiten auch klassische Formen. So lässt er zum Beispiel Wataru Shimitzus Sprungkaskaden in Windmill-Drehungen aus dem Breakdance münden. Oder er klöppelt Spitzentanz in die Riverdance-Reihen, in denen die Tänzer die Hände hinter dem Rücken verschränken und nur Füße und Waden schlagen. Da hat Van Couwenbergh seinen Tanzabend bereits in den Pub verlegt, und damit beginnt der zwar nicht weniger unterhaltsame, aber doch zuweilen abgedroschene Teil der Choreografie.

Gleichbleibend gut ist die Musik: Die irisch-deutsche Band „Midnight Court“ um Bernd Lüdtke und Noel Minogue spielt auf mit Knopfakkordeon, Fidel, Flöten und Bodhrán-Trommeln. Sie temperieren die Episoden mal sarkastisch, mal getragen und immer makellos. Ein komisches ungleiches Paar (groß und elegant: Alena Gorelcikova, klein und zu stürmisch: Denis Untila) und Kebbeleien unter Kumpeln (Nour Eldesouki, Marat Ourtaev) sind zu erleben. Alles sehr ansehnlich, aber das Guinness, das im Orcherstergraben auf den Kneiptentischen steht, hat mehr Gehalt.

heute, 3., 5., 8., 13., 24. Juni; 7., 13., 14., 15. Juli; Tel. 0201/81 22 200; http://www.aalto-ballett.de

Quelle: wa.de

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