Caspar Henderson beschreibt „Wahre Monster“ und erklärt biologische Zusammenhänge

Das Axolotl: Die Illustrationen des Bandes von Caspar Henderson schufen Pauline Altman und Judith Schalansky.

Von Ralf Stiftel - Gonodactylus schlägt so schnell zu wie eine Gewehrkugel. Der Fangschreckenkrebs ist so groß wie eine Gewürzgurke – und doch kann er einem Taucher den Finger brechen. Dieser kleine Killer hat seinen Platz verdient in Caspar Hendersons Buch „Wahre Monster“.

Der britische Journalist hat sich von einer uralten Literaturgattung inspirieren lassen, dem Bestiarium. Schon Aristoteles und Plinius stellten Übersichten zusammen über die Tiere, die sie kannten. Im Mittelalter gab es Prachtbände wie das „Ashmole Bestiarium“ aus dem 13. Jahrhundert. Und eigentlich sind auch die Tierdarstellungen der steinzeitlichen Höhlenmaler Bestiarien, sagt Henderson. Die haben sogar den Vorzug, dass sie reale Tiere schilderten, so realistisch, dass moderne Biologen aus den Bildern Informationen über ausgestorbene Arten wie Wollnashörner ablesen können. Spätere Bestiarien nahmen auch mythische Geschöpfe auf wie Meerjungfrauen und Drachen.

Henderson berichtet anschaulich und lehrreich von „sonderbaren und manchmal auf eine Weise entzückenden Wesen, die wir uns nie hätten ausmalen können“ und die es wirklich gibt. In seinen kurzen Essays nimmt er das Axolotl, den Glattwal, den Venusgürtel als Ausgangspunkt, um in größeren Zusammenhängen nachzudenken. Die Japanmakaken, die so gern in heißen Quellen baden, führen ihn zu Macht und Kapitalismus. Das Axolotl ist ein Lurch, der im Larvenstadium blieb, um nicht an Land zu müssen, was ihm epochenlang Überlebensvorteile verschaffte. Bis der Mensch kam und die Gewässer in Mexiko, in denen das Axolotl vorzugsweise lebt, verschmutzte oder ganz trocken legte. Aber der Autor nimmt das Tier auch zum Anlass, uns die Landschaft des Devon vor Augen zu führen, als Riesenpilze und Bärlappbäume wucherten und Insekten noch nicht flogen und es still war. „Und dort, durch das trübe Wasser, erspähen wir etwas in der Größe eines zehnjährigen Kindes, grazil auf kurzen Beinchen schwebend, die in sieben mit Schwimmhäuten verbundene Fingern enden. Sein Schwanz ähnelt dem eines Lurchs und sein Antlitz ist weder Fisch noch Frosch.“

Henderson ist ein Autor, der das Staunen noch nicht verlernt hat. Sein Buch ist ein Loblied auf die Evolution, auf den wunderbaren Umstand, wie sich durch Veränderung und Auswahl die erstaunlichsten Geschöpfe entwickeln konnten. 1907 fand man heraus, dass man einige Schwämme durch Netze pressen kann, die so feinmaschig sind, dass nur einzelne Zellen durchdringen. Auf der anderen Seite schließen sie sich wieder zu einem lebensfähiges Tier zusammen. Henderson berichtet von den Sexspielen der Delfine und der Intelligenz der Kraken. Man lese nur im Kapitel über den Menschen die Lobpreisungen über die greiffähige Hand und die Füße, die den aufrechten Gang ermöglichen. Selbst an Parasiten wie den Bandwürmern findet der Autor etwas Gutes: Sie können einem Ökosystem sogar Vorteile bringen. Im Bestiarium hat selbst das bis zu 20 cm durchmessende Meereswesen „Fragilissima“ Platz, „ein erstaunlich großes einzelliges hirnloses Tier, das sich Kacke und tote Körperteile anheftet und eine Glibberspur hinterlässt“.

Zum Lesen und Staunen und, wie alle Bände aus der von Judith Schalansky herausgegebenen Reihe „Naturkunden“, wunderschön gestaltet.

Caspar Henderson: Wahre Monster. Deutsch von Daniel Fastner. Verlag Matthes & Seitz, Berlin. 352 S., 38 Euro

Quelle: wa.de

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