Carlos Manuel inszeniert Kafkas „Prozess“ unterhaltsam in Dortmund

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Zwei schräge Beamte verhaften Josef K.: Szene aus „Der Prozess“ mit Andreas Beck, Björn Gabriel und Uwe Rohbeck.

Von Ralf Stiftel DORTMUND - Josef K. tanzt herein zu den Klängen der Bee Gees. „Stayin’ Alive“, und er kopiert die Disco-Posen John Travoltas aus dem Film „Saturday Night Fever“, wirft Krawatte und Jacke ab. Nach so einem Anfang wirkt jede Verhaftung lächerlich. Erst recht, wenn sie von einem Duo wie Andreas Beck (Willem) und Uwe Rohbeck (Franz) vorgenommen wird, die an Laurel und Hardy erinnern. Der schmächtige Rohbeck bindet sich die fremde Krawatte um, der mächtige Beck pellt sich seelenruhig ein Ei. Wer blickt da noch durch?

Franz Kafkas Roman „Der Prozess“ gilt als eine der Urschriften des Absurden und wird gern existenzialistisch überhöht. Dabei berichtet er selbst, dass sie beim Vorlesen viel gelacht hätten. Daran knüpft Carlos Manuel an, der am Schauspiel Dortmund eine Bühnenversion des Romans inszeniert. In dieser Schussfahrt durch eine sinnfreie Justizklamotte wechseln Stimmungen im Minutentakt – was den modernen Klassiker zur höchst unterhaltsamen Farce macht.

Josef ist verhaftet, soll aber trotzdem weiter zur Arbeit gehen. Er wendet sich an verschiedene Personen um Rat und Hilfe, darunter eine Nachbarin, die Frau eines Gerichtsdieners und ein Maler. Niemand kann ihm aber überhaupt nur die Information verschaffen, welches Vergehen ihm vorgeworfen wird. Nach einem Jahr wird K. erstochen, ohne dass es mit seinem Prozess erkennbar vorangegangen wäre.

Im Studio blickt man auf stilisierte Steinbänke, auf eine spießige Tapete, auf das Plakat einer 60er-Jahre-Bikini-Schönheit mit Leopard (Ausstattung: Vinzenz Gertler). In rasanten 105 Minuten wickelt Manuel die Geschichte ab – und die fünf Darsteller zeigen sich überaus wandlungsfähig.

Der füllige Andreas Beck mutiert vom jovialen Beamten im Anzug zum unbedarften Proleten im Feinripphemd und weiter zum Onkel mit Zigarre und Trenchcoat, Columbo in groß und dick. Uwe Rohbeck scheint im einen Augenblick als kranker Anwalt im Rollstuhl kurz vor dem Exitus zu sitzen. Nach einer Blitzgenesung absolviert er Kung-Fu-Übungsposen wie ein Shaolin-Mönch. Sebastian Graf ruft den herrischen Aufseher so souverän ab wie den unterwürfigen Mit-Prozessler. Merle Wasmuth ist Waschfrau, naives Mädchen, Ledervamp und Gossengeschöpf, das sich dem dubiosen Maler anschmiegt wie eine Katze. Und zwischen all diesen Figuren irrt Björn Gabriel immer orientierungsloser herum: Dieser K., eingangs noch seiner selbst so sicher. ganz der Kleinbürger in guter Stellung, verliert jeden Halt und probiert Haltungen aus. Und darum irrlichtert auch die Inszenierung zwischen den Genres, gerade noch Drama, dann plötzlich laszive Verführungsszene, und – klick – weiter zu Slapstick. Ein kafkaeskes Vergnügen.

23.2., 8.3., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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