„Candide“ von Voltaire am Schauspiel Bochum

Von Achim Lettmann ▪ BOCHUM–Neckisch ist das, wenn der Cellist seinen Bogen führt und mit dem Musikton einen Strich bewegt. Diese Linie hinterlässt auf der Frontseite der Guckkastenbühne eine niedliche Landschaftssilhouette: drei Berge, ein Schloss. Videomalerei. So sehen viele Märchenbilder aus und so fängt „Candide oder der Optimismus“ am Schauspielhaus Bochum an.

Es ist ein freches Stück Literaturgeschichte, das zum Auftakt der neuen Intendanz von Anselm Weber gegeben wird. Der französische Aufklärer Voltaire schrieb sein Buch 1759, um den höfisch-philosophischen Behauptungen zur besten Gesellschaftsform eine sarkastische Skizze über die Wirklichkeit mitzugeben. Für Bochum haben Paul Slangen und Olaf Kröck eine Bühnenfassung erarbeitet, die den erzählerischen Duktus der Vorlage nutzt. Regisseur Paul Koek lässt zwei Candides auftreten. Mit dem Ziel, dass sich der junge Candide auf seinen Abenteuern mit seinem älteren Selbst trifft, austauscht und am Ende beide der Entwicklung Rechnung tragen. Dieses bipolare, aber letztlich versöhnliche Handlungsprofil schafft immer wieder Raum für Voltaires Episoden. Candide erfährt, dass er nicht in der besten aller Welten lebt, wie es ihm Pangloss beharrlich weißmacht. Roland Riebeling spielt den Philosophen als zwanghaften Rechthaber. Soldaten zwingen Candide zum Kriegsdienst, religöse Eiferer übergießen ihn mit Urin, die Todesnachricht seiner Geliebten trifft ihn schwer, am Erdbeben in Lissabon soll er schuldig sein, man schlägt ihn, vertreibt ihn, bis er selbst zum Messer greift, mordet, würgt, aber immer auch noch hofft, auf die Liebe Kunigundes und eine irgendwie geartete Fügung.

Diese Prüfungen erinnern an Peer Gynts Weltreise zum eigenen Ich. Paul Koeks Inszenierung scheut die Nähe nicht zu Bühnendeutungen der modernen Ibsen-Figur (1867). Der Theatermacher aus Leiden, mit dem das Schauspiel Bochum kooperiert, führt die Veenfabriek in den Niederlanden, die sich mit Musiktheater profiliert hat. Zu „Candide“ werden Kompositionen von Leoš Janácek adaptiert. Die Musiker, die mit auf der Bühne sitzen, schaffen einen klaren vielstimmigen Ton. Unglücksnachrichten werden mal von der Klarinette heiter abgefedert, mal werden simple Einsichten mit launigen Melodien kommentiert. Die Musik erreicht eine atmosphärische Fülle, die die Handlung abfedert und temperiert. Dramatisch wird es nicht.

Regisseur Koek bewegt seinen Antihelden in einem engen Charaktermaß. Der junge Candide schlenzt im beige farbenem Pullunder und mit Schlabberhose ins Desaster. Joep van der Geest ist mit seinem lockigen Haar ein Flower-Power-Jüngling, der schreiend ums Schloss rennt, als ihn der Baron von Kunigunde trennt. Liebesschmerz wird sein stärkstes Lebensmotiv. Ein Diskurs um den freien Willen, als Geistesstimulanz der europäischen Völker, wird es nicht geben.

Das Spiel ist fragmentarisch, sarkastisch und lapidar. Jürgen Hartmann als alter Candide schreitet gutmütig umher, streichelt Geigerinnen und kauert mit Kunigunde vor der Bühne. Therese Dörr wechselt die Zeitebenen, mal naiv ergeben, mal abwartend wie konzentriert, mit Körperkorsett und Griff in den Rücken; die Jahre sind spürbar. Die Figurenführung wirkt nur mässig amüsant und auf die Dauer uninspiriert und selbstverliebt.

Bühnenbildner Theun Mosk hat den großen Guckkasten ins Schauspielhaus gesetzt, als zweite Spielfläche, die mit Kulissenelementen bestückt wird, wie ein nettes Bilderbuch, in dem auch mal liebliche Videos mit Fischen auf blauen Grund flackern. Die Verbindung zum Spiel bleibt aber assoziativ und entwickelt keine Kraft. Das Rollentableau aus „Candide oder der Optimismus“ wird mit kauzigen Wesen und Alltagsfiguren aufgefüllt, die vor allem abstrus sein müssen.

So gerät der Auftakt in die Bochumer Spielzeit recht flau und erkenntnisarm. Dass sich Menschen am liebsten selbst bedauern, zählt dazu, und regelmäßige Arbeit kann ein bisschen Glück bedeuten. Regisseur Koek hat das Theaterspiel entschleunigt. Dabei ist es langweilig geworden.

Das Stück

Mit bizarren Figuren, moderner Musik und einer kraftlosen Dramaturgie wird ein Antiheld der Aufklärung entschleunigt.

Candide oder der Optimismus am Schauspielhaus Bochum. 26. September, 3., 23., 31. Oktober. Tel. 0234 / 3333 5555; www.

schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare