„California Dreams“: Die Bundeskunsthalle in Bonn würdigt Los Angeles

Auf und Ab: Wayne Thiebauds Gemälde „Street and Shadow“ (1982/83) blickt aus ungewohnter Perspektive auf Los Angeles. Zu sehen ist das Werk in Bonn. Foto: Museum

Bonn – Der Betrachter gleitet durch eine belebte, moderne Stadt. Nicht nur Kutschen kreuzen den Weg der Straßenbahn, sondern auch mehrere Autos. Bei einem steht ein Mann auf der hinteren Stoßstange und springt vor dem Bahnhof ab. 1906 haben die Miles Brüder eine Kamera vorn an einem Cable-Car-Wagen befestigt und so diese zwölf Minuten lange Tour durch San Francisco eingefangen. Ein historisches Dokument in mehrfacher Hinsicht: Vier Tage später verwüstete das große Erdbeben die Stadt.

Der Film „A Trip Down Market Street“ ist in der Bonner Bundeskunsthalle zu sehen. Die Ausstellung „California Dreams“ zeichnet ein Porträt dieser ikonischen US-Metropole, die immer wieder Menschen aus aller Welt anlockte, ein Sehnsuchtsort. Die Themenschau zeichnet mit rund 300 historischen Objekten, Dokumenten und Kunstwerken ein Porträt von San Francisco von ihren Ursprüngen im 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

In Kalifornien datieren die ältesten Nachweise menschlicher Siedlungen auf 8000 vor Christus. Eine 1776 gegründete Missionsstation des Vizekönigreichs Neuspanien gab der Stadt den Namen: San Francisco de Asís. Aber lange war hier für die Europäer Niemandsland. Einige Kilometer nördlich hatten Russen von Alaska aus eine Siedlung angelegt. Dass hier rund 70 indigene Völker lebten, wurde ignoriert. Die Ureinwohner wurden zwangsumgesiedelt, interniert, christianisiert. Eingeschleppte Krankheiten wie Syphilis und Masern reduzierten die Zahl der Internierten.

Zur Boomregion wurde Kalifornien erstmals, als 1848 am American River Gold gefunden wurde. Von nun an schwoll der Strom der Einwanderer kaum noch ab. Der Bau der Eisenbahn brachte chinesische Arbeiter hierher. Später wechselten die Lockungen, seien es „Love and Peace“, die Verheißungen der Hippie-Bewegung, seien es die digitalen Errungenschaften aus dem Silicone Valley von Konzernen wie Apple, Google, Microsoft.

All das bildet die Schau in einer chronologischen Folge von Schwerpunkt-Kapiteln ab. Schlaglichter fallen auf die früheste Zeit, mit Objekten der Ureinwohner wie einem perlenverzierten Frauenrock der Coast Miwok aus dem 18. Jahrhundert, der aus dem Museum für Ethnographie und Anthropologie in St. Petersburg nach Bonn kam. Henry Raschen porträtierte 1897 einen Medizinmann. Eine Woche lang saß Old Solomon Modell für einen Dollar pro Tag. Er mochte dem Weißen Mann nicht unbedingt vertrauen und schnitt für jeden Tag eine Kerbe in einen Holzstab. Auch für die popkulturelle Aura der Region hat die Schau Raum, indem sie das Silberbesteck eines Generals und Sattel und Zaumzeug im mexikanischen Stil präsentiert. Man kennt das Design aus dem Kino, das Plakat eines „Zorro“-Films zeigt den Rächer mit Maske und Degen.

Die Zuwanderung ist ein hoch aktuelles Motiv der Ausstellung. Zahlreiche deutsche Juden gingen nach San Francisco, das als liberal galt. Die Seidenhülle für eine Thorarolle (1785/86) zeugt davon. Auch Levi Strauss wanderte aus Franken in die USA aus, wo er mit Jacob Davis die ersten Blue Jeans auf den Markt brachte. In einer Vitrine sieht man eine der legendären Levi 501 Jeans aus dem Jahr 1917, übersät mit Flicken, abgewetzt, löchrig. 1920 hatte der Minenarbeiter die Hose an Levi Strauss zurückgeschickt und reklamiert, sie sei nicht haltbar gewesen. Er erhielt kostenlos ein neues Paar. Es gibt noch eine 501, auch erkennbar getragen. Sie gehörte Steve Jobs, einem der Gründer von Apple.

Die Schau beleuchtet auch den Umgang mit den Einwanderern aus China und Japan. Mehr als 23 Millionen Menschen kamen zwischen 1880 und 1920 über die großen Hafenstädte San Francisco und New York in die USA. Die Chinesen waren gefragt für den Bau der Eisenbahn, wurden aber diskriminiert bis hin zum „Ausschlussgesetz“ von 1882, das ihnen die Staatsbürgerschaft versagte. Die Chinesen bauten in San Francisco Chinatown als exotisches Vergnügungsviertel auf – eine Überlebensstrategie. Die Geschichte wiederholte sich mit den Japanern, die vor allem als Hilfskräfte für die Landwirtschaft angeworben wurden. Henry Sugimoto, als 19-Jähriger eingewandert, malte Szenen der Ausgrenzung, zum Beispiel eine „Fotobraut“ (um 1965). Die USA hatten durch eine Vereinbarung mit Japan die Emigration unterbunden. Eine Ausnahme war die Zusammenführung von Eheleuten. So gab es Ferntrauungen von Einwanderern mit japanischen Frauen, die ihren Gatten erst bei der Ankunft in San Francisco kennen lernten. Im Zweiten Weltkrieg gab es zwar japanischstämmige GIs, die oft für ihren Einsatz ausgezeichnet wurden. Aber ihre Familien wurden wie die meisten Einwanderer in Lagern interniert.

Nach 1945 wurde San Francisco zum Kristallisationspunkt der Gegenkulturen. Den Anfang machten in den 1950er Jahren die Beat-Poeten um Allen Ginsberg und Jack Kerouac, deren Texte und Happenings um spirituelle Erfahrungen, Drogen, Jazz kreisten und die später zur Inspiration für die Hippie-Bewegung wurden. Der Aura dieser Freigeister lässt sich in Fotos aus Jazzkellern nachspüren, man sieht die Schreibmaschine Ginsbergs und die karierte Jacke des vagabundierenden Dichters Kerouac. Lee Mullicans monumentales Gemälde „Lotus Land“ (1967) ist sozusagen die Zen-Version des abstrakten Surrealimus. Die grandiosen Plakatschöpfungen von Victor Moscoso, Lee Conklin, Rick Griffin und anderen zu den Konzerten von Grateful Dead, Jefferson Airplane, Jimi Hendrix lassen die eklektisch-bunte Bildwelt des „Summer of Love“ aufblitzen.

San Francisco galt auch als eins der Zentren der sexuellen Befreiung, wurde 1964 vom „Life Magazine“ als „schwule Hauptstadt Amerikas“ bezeichnet. Crawford Barton fotografierte zum Beispiel in den 1970er Jahren ein bürgerliches Paar, das auf einer Treppe sitzt und angestrengt nicht zu den beiden Männern blickt, die sich neben ihnen innig küssen. Die Schau zeigt das exaltierte Outfit von Harvey Milk, des ersten offen schwulen Politikers, der 1978 wegen seiner sexuellen Orientierung ermordet wurde. Und es ist eine Regenbogenfahne ausgestellt, genäht von ihrem Erfinder Gilbert Baker. Eindringlich ist das neunteilige Keramik-Relief „Zu treuen Händen“ (1999), mit dem der Künstler Richard Carter an seinen an Aids gestorbenen Freund Troy Burdine erinnert.

Auch der vorerst letzte globale Impuls der Region ist präsent: Der Aufbruch in das digitale Zeitalter vom Silicon Valley aus, zum Beispiel mit einem Apple-Computer von 1977. Ranu Mukherjees Animation „Strahlende Chromosphäre“ (2012) zeigt, wie sich das frühere Obstanbaugebiet umformt zu einer von industrieller Produktion geprägten Landschaft. Wer weiß, was aus diesem multikulturellen Schmelztiegel noch an Inspirationen kommt, die die Welt verändern.

Bis 12.1.2020, di, mi 10 – 21, do – so 10 – 19 Uhr,

Tel. 0228/ 9171 200, www.bundeskunsthalle.de, Katalog 22 Euro

Quelle: wa.de

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