„Calamari Union“ nach Kaurismäki in Münster

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Fünfmal Frank in Münster: Szene aus „Calamari Union“ mit Ilja Harjes, Jeroen Mosselman, Tim Mackenbrock, Frank-Peter Dettmann und Bernhard Glose. ▪

Von Anke Schwarze ▪ MÜNSTER–Vier Männer drehen mit großen Gesten eine Kiste. Ein fünfter Mann versucht sich darauf wie auf einem rollenden Baumstamm zu halten. Die Männer haben ein Ziel, gar nicht weit entfernt, leicht zu erreichen.

Doch obwohl sie ständig in Bewegung sind, kommen sie nicht an. Stattdessen kreisen sie um sich selbst. Als große Clownerie setzt Teresa Rotemberg die Theaterfassung „Calamari Union“, nach einem Film von Aki Kaurismäki, am Kleinen Haus in Münster um. Sie lässt ihre Schauspieler alle Register der Narretei ziehen. Einen Tangotanz als Posse. Parodien auf Filmgenres. Pantomimen und akrobatische Einlagen. Heraus kommt ein herrlich komischer Blödsinn. Doch bei aller Komik macht die geballte Sinnlosigkeit ihres Tuns die Clowns der „Calamari Union“ zu Spöttern der Wirklichkeit.

Die fünf Männer, die alle Frank heißen, wollen eine „gefährliche Reise“ auf sich nehmen – von einem Arbeiterviertel zu einem Luxusviertel in Helsinki. Doch sie können die kurze Strecke nicht überwinden, weder zu Fuß, noch im Taxi. Um an Geld zu kommen, überfallen sie eine Bar und bitten in einer Bank um Kredit. Jeder Versuch ist zum Scheitern verurteilt. Rotemberg akzeptiert, dass sich der Film des finnischen Regisseurs Kaurismäki einer sinnstiftenden Deutung oder einer sozialkritischen Ideologie entzieht. Sie konzentriert sich darauf, die Fragmente des absurden Stücks detailliert auszugestalten. Die Franks scheitern allein an ihrer Dummheit, die sie Konserven ohne Dosenöffner stehlen lässt. Also macht Teresa Rotemberg sie zu Clowns, die ihre Komik aus dem Scheitern beziehen.

Äußerlich stellen die Franks eine Rockergruppe dar, mit Sonnenbrillen und fransigen Lederjacken im Easy-Rider-Stil. Doch in Fabian Lüdickes Bühnenbild mit Tapetenbahnen, staubigen Topfpflanzen und Lampen aus den 60er Jahren wirken sie wie Männer, die in ihrer Zeit stehen geblieben sind. Ihr cooles Machogehabe gerät zur Farce, wenn ein Frank heulend in der Ecke steht, weil die anderen über ihn geredet haben. Orientierungslos latschen, stolpern, taumeln die Franks über die Bühne. Angstvoll balancieren sie über Dachfirste in Form eines 20 Zentimeter hohen Podestes, purzeln im Zeitlupentempo übereinander. Teresa Rotemberg gewährt den pantomimischen Einlagen viel Raum und zeigt dabei auch Mut zur Stille.

Ihre Inszenierung verlangt den Schauspielern einiges ab. Sie zeigen sich der Herausforderung gewachsen – Frank-Peter Dettmann, Bernhard Glose, Ilja Harjes, Tim Mackenbrock und Jeroen Mosselman als die Franks, Judith Patzelt mal als Bankfrau, mal als Taxifahrerin. Sportlich meistern die Männer Klimmzüge, Sprünge und Stürze. Ihre Pantomimen zeigen eine klare, akzentuierte Körpertechnik. Sie können kehlig-schmalzige Tangolieder ebenso gut singen wie heisere Rock-Songs, beherrschen bedeutungsschwangere Sprechpausen und Blicke. Auch am Keyboard, an E-Gitarren und am Schlagzeug sind die sechs Darsteller geübt. Das beweisen sie in Hard-Rock-Nummer zum Abschied.

21., 23., 24., 27., 29. April; 4., 6., 12., 15., 29. Mai

Tel. 02 51/ 59 09 100

http://www.stadttheater.muenster.de

Quelle: wa.de

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