Cage-Projekt zum Auftakt der Tanztage in Münster

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Tanz zu Tönen und Geräuschen: das Stück „Projekt Cage“ von Daniel Goldin in Münster.

MÜNSTER – Rein musikalisch ist der Abend für so manchen durchaus eine Herausforderung. Weite Klangflächen und monotones rhythmisches Pulsieren wechseln sich ab mit dem, was der US-Komponist John Cage (1912-1992) als gleichwertige Elemente in die Musik einführen wollte: Geräusche, Zufallseffekte, Lärm. Von Edda Breski

Der Pionier der Neuen Musik sah den Klang gleichberechtigt mit jedem Geräusch und der Stille: Er habe, sagte er, nie einen Ton gehört, der ihm nicht gefallen habe, es sei denn, er sei „zu musikalisch“ gewesen. In der Uraufführung von „Projekt Cage“ steht im Großen Haus der Städtischen Bühnen in Münster E-Gitarre gleichberechtigt neben Toy-Piano und Vokalakrobatik von Jaap Blonk. Vom Kiekser bis zum Rülpser.

Daniel Goldin, Chef des Münsteraner Tanztheaters, hat sein eigenes Ensemble und das Folkwang Tanzstudio, dessen Mitglied er seit 1987 ist, für „Projekt Cage“ zusammengebracht. Was er versucht, ist nicht mehr und nicht weniger als die Übersetzung von Cages Allklang-Aleatorik in Tanz.

Töne und Geräusche stehen nebeneinander, (scheinbare) Zufallskompositionen durchbrechen herkömmliche Strukturen. Goldin wendet diese Prinzipien auf seine Choreografie an. Gleichzeitig versieht er sie mit den Elementen, für die er bekannt ist: zarte Melancholie, leiser Witz, stille Begegnungen zwischen Menschen. So ist es, trotz des Einsatzes der fünfköpfigen Band „The lilac truth“, ein stiller Abend geworden.

Goldin lässt seine Tänzer mit Geschlechteridentitäten spielen: Männer im Brautkleid, eine Frau mit Anzug und Schirm. Es geschieht viel und zugleich wenig auf der Bühne, wenn die Tänzer isoliert ihre Kreise ziehen. Der Tanzraum ist abgegrenzt durch einen angedeuteten, klinisch weißen Kubus (Bühne: Matthias Dietrich). Stehen die Tänzer außerhalb, sind nur Beine und Rumpf zu sehen. Ein Mann in Anzug und mit einer Birne im Mund folgt zackigen Bahnen: das ruft Magrittes surreale Männergestalten mit Melone ins Gedächtnis.

Klangenergie dringt aus einem Kasten, der in die Kulisse integriert ist: Von dort aus bestimmt „The lilac truth“ das Geschehen. Zur Besetzung der teils extra arrangierten Cage-Werke gehören unter anderem die Ukulele, das stählern klimpernde Toy-Piano und ein Großbass. Und Jaap Blonk: Für seine Soli, in denen er quietscht, singt, schnalzt und klopft, bekommt er Extraapplaus. John Cage arbeitete seit den 1930er Jahren mit Modern-Dance-Compagnien zusammen; in den 50er Jahren kam es zur engen Kooperation mit dem Ensemble von Merce Cunningham.

Während Goldins Tänzer zu wabernden Tönen einer Melodika ihre Umwelt abtasten, sie nach dem Verhältnis zu sich selbst und einander befragen, wächst Gemeinschaft unter ihnen. Vorsichtige Parallelen zieht Goldin, inszeniert Pärchen, die sich langsam finden. Das Zusammenwachsen der Tänzer zur Gruppe endet mit einem bunten Finale: In farbigen Mänteln bewegen sie sich gemeinsam.

Verweise finden sich auf Cages Beschäftigung mit dem „I ging“ – Goldin lässt eine Frau im angedeuteten Mandarin-Gewand (Kostüme: Gaby Sogl) auftreten. Glänzende Bälle werden auf die Bühne gerollt, die aussehen wie Qi-Gong-Kugeln, und auf denen stehend Tänzer Pirouetten drehen. Gewollt wirkt die Konsumkritik, die Goldin einbaut: Die Tänzerin Ines Petretta quert die Bühne und zieht auf einer meterlangen Schleppe wie auf einem Förderband weiße Getränkeflaschen und Waschmittelpackungen hinter sich her.

Daniel Goldin scheitert mit seiner Arbeit auf hohem Niveau. Die Übersetzung Musik-Tanz nimmt er zu wörtlich. Zwar findet er überzeugende Bilder und kreiiert eine Atmosphäre anrührender Melancholie. Über eine reine Abfolge von Bildern über anderthalb Stunden hinweg aber kommt er trotzdem kaum hinaus.

Quelle: wa.de

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