Bundeskunsthalle würdigt toskanische Metropole: „Florenz!“

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Überfigur der toskanischen Kulturgeschichte: Auf Domenico de Michelinos Gemälde „Die Allegorie der Göttlichen Komödie“ steht der Dichter Dante Alighieri zwischen Paradies, Hölle und seiner Heimatstadt Florenz, zu sehen in der Bundeskunsthalle.

Von Ralf Stiftel BONN - Der Mann, der die Besucher auf dem Gemälde von Domenico di Michelino empfängt, ist kein Heiliger. Dabei beherrscht er eine weltumspannende Szene, die von der Hölle über den Berg, auf dem sich qualvoll die Sünder läutern, und das winzige Paradies bis zur Stadt Florenz reicht. Von seinem Buch geht ein überirdischer Strahlenglanz zu den Stadtmauern hin. Unter dem Himmelsgewölbe steht ein Dichter, der wie kein zweiter den Glanz der toskanischen Metropole verkörpert: Dante Alighieri.

Das monumentale Gemälde aus dem Jahr 1465 hängt am Eingang zur Ausstellung „Florenz!“ in der Bundeskunsthalle Bonn. Florenz nimmt einen zentralen Platz in der Geschichte des Abendlandes ein. Hier kristallisierte sich die Renaissance heraus, hier wirkten Künstler wie Michelangelo, Leonardo, Botticelli. Hier schrieben die größten Dichter ihrer Epoche: Dante, Boccaccio, Petrarca. Hier entwarf Machiavelli seine Theorien über Staat und Politik. Und hier hatten die Medici die Macht. Die Bonner Schau versucht eine historische Gesamtschau in fünf Kapiteln vom Mittelalter bis an die Schwelle der Moderne mit 350 Exponaten.

Zunächst blickt die Schau ins Mittelalter. Im 12. und 13. Jahrhundert setzten die Florentiner auf die Boombranchen der Epoche: die Tuchherstellung, den Fernhandel und die Banken. Um 1300 war Florenz mit rund 100 000 Einwohnern eine der größten Städte Europas, und gewiss auch eine der reichsten. Die Medici, ursprünglich eine Bankiersfamilie, kamen in der Republik Florenz zu Ansehen und Macht. Am Ende waren sie Herzöge, stellten sie Päpste, intrigierten, rafften Vermögen an, die sie dann in die Künste und ihren Nachruhm investierten.

Florenz betrachten die Macher der Schau als Laboratorium der Moderne. Hier wurde das moderne Finanzwesen erfunden. Die Währung der Stadt, der Florin, wurde europaweit verbreitet. Bis zur Einführung des Euro hieß der Gulden in den Niederlanden Florijn, und die Ungarn haben Forint. In Bonn spiegelt ein Musterbuch von 1317 mit Abdrücken der gültigen Florin-Münzen die Bedeutung der Währung. Der Foliant war mehr als 600 Jahre in Gebrauch. Firmenurkunden, kalligrafisch ausgestaltet wie Stundenbücher, zeigen Gründungsstatuten einer Firma und Statuten der flämischen Handwerker (von 1436). Auf Marmorreliefs vom Campanile des Doms (um 1340) sieht man Darstellungen der Webkunst, der Baukunst, der Astronomie. Und man kann auch den Medici in die Geschäfte blicken, zum Beispiel mit einem Code, den Lorenuo de’ Medici für seine Geheimkorrespondenz benutzte.

Natürlich nehmen die Dichtung und die Kunst breiten Raum ein in dieser Prachtschau. Großartig die mit Buchmalerei ausgeschmückten Ausgaben von Dantes Commedia (1398) und dem „Paradiso“ (15. Jh.). Dabei hatte Dante kein gutes Verhältnis zu seiner Heimatstadt, in den politischen Kämpfen stand er auf der falschen Seite. Man verurteilte ihn in Abwesenheit zum Tode. Er lebte von 1302 an im Exil, starb in Ravenna. Mit Boccaccio und Petrarca verkörpert Dante die „tre corone“, die drei Kronen, der italienischen Dichtung.

Ähnlich prägend war Florenz für die Künste. Was gut und teuer ist, findet man auch in Bonn. Von Michelangelo und Leonardo freilich Skizzen. Aber von Sandro Botticelli sieht man eine Madonna und „Minerva und den Kentaur“, von Filippino Lippi ein großes Tondo der Maria mit dem Jesusknaben, von Domenico Ghirlandaio in Lebensgröße St. Petrus Martyr. Hinzu kommen plastische Arbeiten wie Andrea del Verrocchios Bronze „Christus und der ungläubige Thomas“ (1467/83), die überlebensgroß über den Besuchern stehen.

Aber nicht nur Kunstwerke italienischer Meister sind zu sehen. Die Medici holten die Schätze der Welt in die Stadt. In Wunderkammern, und jetzt in Bonn, findet man eine ägyptische Streitaxt, Löffel aus Elfenbein aus dem Königreich Benin, einen Federmantel aus Brasilien. Im Auftrag von Francesco I. de’ Medici schuf Jacopo Ligozzi Naturstudien exotischer Tiere und Pflanzen. Galileo Galilei war ab 1610 Hofmathematiker bei Cosimo II. de’ Medici, was mit nachgebauten Instrumenten dokumentiert ist.

Selbst als die Epoche der Medici vergangen war, im 18. Jahrhundert Florenz ins Habsburger-Reich integriert wurde, blieb die Stadt etwas Besonderes. Großherzog Pietro Leopoldo zeigte sich als Reformer, setzte nicht auf Repräsentation durch Kunst und Bauten, sondern modernisierte die Verwaltung, ließ das Straßennetz ausbauen, schaffte Folter und Todesstrafe ab. Zugleich förderte er Bildungseinrichtungen. Im 19. Jahrhundert lebte Florenz aus seiner Geschichte, wurde zum Ziel eines aufkommenden Kulturtourismus.

Abgerundet wird die Schau durch einen Blick auf die Villa Romana, jenes Künstlerhaus in Florenz, das 1905 vom deutschen Maler Max Klinger gegründet wurde. Berühmte Stipendiaten waren Max Beckmann, Ernst Barlach, Max Pechstein, Georg Baselitz. Werke von ihnen, aber auch von aktuellen Stipendiaten sind ausgestellt.

Florenz! in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik in Bonn. Bis 9.3.2014, di, mi 10 – 21, do – so 10 – 19 Uhr, Tel. 0228/ 91 71 200, www.bundeskunsthalle.de

Katalog Florenz! 35 Euro, im Buchhandel Hirmer Verlag, München, 49,90 Euro

Katalog Villa Romana 25 Euro, im Buchhandel Verlag Kettler, Bönen, 29 Euro

Quelle: wa.de

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