Bundeskunsthalle Bonn zeigt japanischen Zeichentrick: „Anime!“

Szenenbild aus der Serie "Dragonball Z - The Dead Zone", zu sehen in der Bonner Ausstellung.

BONN ▪ Miyazaki Hayao müsste hierzulande eigentlich so bekannt sein wie Walt Disney. Der 1941 in Tokyo geborene Filmemacher hat immerhin 2003 einen Oscar gewonnen für seinen Animationsstreifen „Chihiros Reise ins Zauberland“. Aber dem deutschen Zuschauer mag ein frühes Werk vertrauter sein, an dem er mitgezeichnet hat: Die Fernsehserie „Heidi“ nach Johanna Spyri. Dutzende Filme hat er geschaffen, aber richtig berühmt ist er hierzulande nicht.

Von Ralf Stiftel

Es gibt Nachholbedarf an Informationen über die „Anime!“, die Animationsfilme aus Japan, die längst eine weltumspannende Wirkung zeigen. Dabei gibt es hierzulande auch, wie bei den japanischen Comics, den Manga, eine blühende Fanszene. Man kostümiert sich wie die Helden der Filme, tritt als „Cosplayer“ auf. Das von Miyazaki Hayao 1985 mitgegründete Studio Ghibli arbeitet inzwischen mit Disney zusammen und diktiert sogar die Bedingungen der Kooperation. Über all das informiert die sehenswerte Ausstellung „Anime!“ in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn. Die umfassende Schau entstand in Kooperation mit dem deutschen Filmmuseum Frankfurt.

Zeichentrickfilme haben in Japan eine besondere Tradition. In den 1970er Jahren brauchte das ZDF neues Material für Kinder und fand in dem fernöstlichen Staat eine fähige Industrie, die für den europäischen Markt maßgeschneiderte Serien liefern konnte. „Wickie und die starken Männer“, „Die Biene Maja“, „Alice im Wunderland“ wurden in asiatischen Studios produziert, nach den Vorgaben der europäischen Partner. So kam der Animationsfilm aus Japan zu einem schlechten Image für Cineasten: Billig und grob animiert, mit großäugigen, süßlichem Personal. Dabei lieferten die Studios nur, was der westliche Markt bestellte.

Schon in den 1950er entstand, parallel zu den Mangas, den Comic-Büchern, eine blühende Szene in Japan. Heute sind die Hälfte der Kinofilme „Animes“. Produktionen wie „Captain Future“, „Akira“, „Sailor Moon“ sind inzwischen auch hierzulande populär. Die Quervermarktung erschließt ungewohnte Publikumsmengen: „Pokémon“ gibt es als Film und als Fernsehserie, ein Tauschkartenspiel ist Kult schon unter Kindergartenkindern, hinzu kommen immer neue Spielvarianten für den Gameboy. Über all das informiert die Schau. In zwei Kinoräumen werden komplette Filme gezeigt, einmal für Kinder, einmal für Erwachsene. Leider lässt die Schau nicht die Originale wirken, sondern setzt auf Inszenierungseffekte. So sind viele Zeichnungen in Klapptafeln zu betrachten, als sei ein Buch an die Wand geschraubt.

Gezeigt werden auch „Cels“, Filmfolien. Der japanische Animationsfilm ist konservativ. Man sieht die handwerkliche Entstehung: Vor einem Hintergrund werden die Akteure auf transparenten Folien gezeigt, von denen je nach Aufwand 24 Zeichnungen pro Sekunde Film, bei „Limited Animation“ aber nur acht verwendet werden. Erst relativ spät setzen die Studios auf Computeranimation, zum Beispiel in „Final Fantasy“ nach einem Computerspiel, mit Figuren, die bis in Haare und Hautfalten realistisch wirken.

Info

Materialreiche Übersicht über die populäre Zeichenfilmkultur in Japan: Anime! In der Bundeskunsthalle Bonn. Bis 8.1.2011, di, mi 10 – 21, do – so 10 – 19 Uhr, Tel. 0228/ 91 71 200, http://www.bundeskunsthalle.de, Katalog 26,90 Euro

Die Einfachheit der Protagonisten bietet dem asiatischen Publikum Möglichkeiten zur Identifikation. Die Mondgesichter mit den übergroßen Augen, die beim westlichen Betrachter sofort den Kindchen-Effekt auslösen, sind ästhetische Absicht. Es gibt eine kulturelle Schranke zwischen Japan und Europa, hierzulande muss man sich an die Bildsprache erst gewöhnen. Anfangs wurden Filme rücksichtslos umgeschnitten und westlichen Sehgewohnheiten angepasst. Das war ein Grund, warum Miyazaki Hayao sich von Disney vertraglich die Kontrolle der Exportversionen seiner Filme garantieren ließ. In der Schau ist auch das Phänomen der „Cosplayer“ dokumentiert. Der Fotograf Oliver Sieber porträtierte solche Rollenspieler, die sich detailgetreu kleiden wie ihre Helden.

Trotzdem wendet sich nur ein Teil der Anime-Produktion an ein kindliches oder jugendliches Publikum. Die Geschichten und Themen sind universal, schließen sogar Erotikszenen ein, die in einem rosa Kabinett etwas verklemmt hinter Klappen präsentiert werden.

Faszinierender sind die komplexen Motive der großen Kinoproduktionen, die vor kaum einem Thema zurückschrecken. 1983 schuf Nakazawa Keiji den Film „Barfuß durch Hiroshima“, der mit niedlichen Kindern als Protagonisten den Schrecken des Atombombenabwurfs visualisiert. Der Comic-Experte Andreas Platt-haus sieht in Japan ein kollektives Bewusstsein für Katastrophen wirken, weil das Land stark gefährdet durch Erdbeben und Tsunamis ist. Viele Anime handeln von der Gefährdung der Natur durch den Menschen und von der Aussöhnung beider.

Die Meisterwerke von Miyazaki Hayao gehören dazu: In „Prinzessin Mononoke“ drohen Städter, mit dem Bau einer Eisenhütte den Wald zu vernichten. In „Ponyo – das große Abenteuer am Meer“ schwappt das Meer als unaufhaltsame Macht über eine Stadt. In der Schau sieht man eine Verfolgungsjagd zwischen Filmfiguren in einem Kleinwagen und den Wogen, die immer wieder als Fische personalisiert werden. Der 2008 gedrehte Film erscheint wie eine Vorwegnahme des Tsunamis vom März, löst aber die Bedrohung in spielerische Heiterkeit auf: Auf den Fisch-Wogen tanzt ein kleines Mädchen und winkt den im Auto Flüchtenden zu.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare