Die Bundeskunsthalle Bonn zeigt „Afrikanische Meister – Kunst der Elfenbeinküste“

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Sinnbild tiefer Versenkung: Die Maske mit geteilter Figur schuf der Meister von Essankro um 1880. Zu sehen ist das Werk in der Bundeskunsthalle Bonn.

Von Ralf Stiftel BONN - Ernst schaut die Maske. Die Augenlider sind gesenkt, die Lippen des kleinen Mundes sind geschlossen. Auffällig die Frisur: Rechts geflochtene, aufgereihte Linien. Links auf dem rasierten Schädel eine Art Knoten. So glatt die Schnitzarbeit des Meisters von Essankro auch ist, so genau sind doch entscheidende Details geschildert. Und die meditative Kraft dieser um 1880 entstandenen Arbeit überträgt sich mühelos.

Zu sehen ist das Werk in der Bundeskunsthalle in Bonn. In der Ausstellung „Afrikanische Meister – Kunst der Elfenbeinküste“ werden rund 200 Werke von etwa 40 Bildhauern gezeigt. Und in dieser einfachen Feststellung liegt, so meint zumindest Kurator Eberhard Fischer, eine Provokation. Denn der Kunstgeschichte ging es mit den afrikanischen Skulpturen wie dem Rassisten mit dem „Neger“: Irgendwie sehen sie alle gleich aus. So wurden Kunstwerke aus Afrika bislang meistens als Gebrauchsgüter betrachtet, produziert ohne ästhetischen Anspruch von Handwerkern, die gleichsam naturhaft Kultobjekte schnitzen. Das war primitiv, irgendwie hübsch auch, aber interessant vor allem als Inspirationsquelle für westliche Künstler wie Picasso. Dann heißt es schlicht: Maske, hinzu kommt die Bezeichnung der Ethnie und ein meistens geschätzter Entstehungszeitraum. In der Bonner Ausstellung merkt der Besucher schnell, wie falsch dieser Umgang ist.

Man entdeckt die Künstlerpersönlichkeiten, die in ihren Werken eine spezielle Handschrift entwickelt haben. Dann erkennt man, wie die glänzende Oberfläche des Holzes, die niedergeschlagenen Augen, der kleine, fein gearbeitete Mund, die konzentrierte Ruhe des Ausdrucks beim Meister von Essankro einen wirklichen Stil ausmachen. Der unterscheidet sich erkennbar von den abstrahierteren Gesichtszügen mit der eher geometrisch aufgefassten Nase und dem auch kleinen, aber viel weniger naturalistischen Mund der Masken des Kamer-Meisters aus der selben Region (um 1920). Ganz zu schweigen von der „Großen Maske mit Stirnnarbe“ des namentlich bekannten Schnitzers Sra aus der Senufo-Region (um 1930), deren Oberfläche viel stumpfer erscheint, bei der der Mund viel größer, die Nase mit scharfer Kante und Spitze gearbeitet wurde. Und wie anders wiederum hat der Meister von Gonate um 1900 das Maskenpaar geschnitzt, das mit offenen Augen und Mündern den Blick auf den Betrachter richtet.

Man muss freilich genau hinschauen. Die Schnitzer haben ihre Arbeiten nicht signiert. Und es existieren auch praktisch keine Dokumente über ihre Werke, jedenfalls nicht, bevor sie auf dem westlichen Kunstmarkt auftauchen. Die Experten sind also auf Stilanalyse zurückgeworfen, haben nichts anderes als die Werke, aus denen sie Rückschlüsse auf den oder die Künstler ziehen. So räumt Fischer einmal ein „Für die Existenz dieses Meisters habe ich keine konkreten Beweise.“

Und doch findet man nun die wundervollen Masken, Figuren und Webrollenhalter aus der Elfenbeinküste sortiert nach Künstlerpersönlichkeiten. Dabei gehen die Ausstellungsmacher vor wie Kunsthistoriker bei der mittelalterlichen Kunst. Weil sie keine Namen kennen (mit einigen Ausnahmen zum Beispiel bei den Dan), vergeben sie Notnamen. Dann heißt der Meister von Essankro nach dem Dorf, in dem er gearbeitet haben muss. Oder man nennt die Künstler nach europäischen Sammlern oder Händlern wie beim Ascher-Meister oder dem Himmelheber-Meister. Oder man nimmt stilistische Besonderheiten wie beim Meister der riesigen Hände oder beim Meister der schönen Brüste.

Darin liegt die Provokation: Der westliche Betrachter muss seine (post-)koloniale Vorstellung von Überlegenheit ablegen. Der Meister von Essankro arbeitete, so vermutet Eberhard Fischer, in einer Werkstatt mit mindestens drei Schnitzern. In Bonn sieht man zwei Masken mit identischer Komposition, einem herzförmigen Gesicht, Kinnbart und einem aufgesetzten Widderkopf. Bei einer Maske ist die Kontur des Gesichts weniger klar, die Nase etwas schief – offenbar war ein nicht ganz so versierter Schnitzer am Werk.

Und die afrikanische Kunst lässt sich auch nicht darauf reduzieren, dass sie Bestandteil von Ritualen sei. In der Schau sind viele Webrollenhalter, die auf den Webstühlen keine praktische Funktion haben, aber genau vor dem Gesicht des Webers angebracht sind. Einem Feldforscher antwortete ein Weber: „Der Mensch mag nicht ohne schöne Dinge leben.“

Und der Meister der Sonnenschirme zeigt mit seiner „sitzenden männlichen Figur“ (um 1930) offenbar einen Europäer, keine Gottheit oder Ahnenfigur. Vielleicht diente die Skulptur, um Wohlstand zur Schau zu stellen, vielleicht war sie einfach nur Zimmerschmuck.

Die Ausstellung bietet neben den großartigen Skulpturen, zum Teil aus Privatbesitz, zum Teil aus großen Museen wie dem Metropolitan Museum in New York und dem Musée du quai Branly Paris, auch Filme und Dokumentationsmaterial dazu, wie die Werke entstehen. Und es gibt einen Raum mit Arbeiten heutiger afrikanischer Künstler, zum Beispiel Jems Robert Koko Bis meterhohe Ahnenköpfe „Ancêtres“ aus Eichenholz, die die Formensprache der Masken souverän in die Jetztzeit übertragen.

Afrikanische Meister – Kunst der Elfenbeinküste in der Bundeskunsthalle Bonn. Bis 5.10., di, mi 10 – 21, do – so 10 – 19 Uhr,

Tel. 0228/ 91 71 200,

www.bundeskunsthalle.de

Katalog 32 Euro

Quelle: wa.de

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