Bundeskunsthalle Bonn stellt Ernst Ludwig Kirchner aus

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Im Gemälde „Balkonszene“ 1935 spielt Ernst Ludwig Kirchner mit den Figuren und einer verdoppelten Kontur.

BONN Raffiniert spielt Ernst Ludwig Kirchner auf seinem Gemälde „Akrobatenpaar“ mit Licht und Schatten. Die beiden Frauen, die sich da verbiegen, reduziert er zu einem Ornament. Und durch das Doppelspiel eine schwarzen und eines blauen Schattens verleiht er dem Motiv einen Rhythmus, einen fast filmischen Schwung.

Das um 1932/33 entstandene Werk ist in der Bonner Bundeskunsthalle zu sehen. Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938), einer der Gründer der Dresdner Künstlergruppe „Die Brücke“, gehört zu den bekanntesten deutschen Expressionisten. Aber wer vor allem seine Akte und die Berliner Straßenszenen vor Augen hat, mag vom Spätwerk überrascht sein. Statt einer fiebrigen Handschrift mit gebrochener Farbe findet man ruhige, klare Flächen. Offensichtlich hat Kirchner sich einiges abgeschaut von Picasso und Matisse.

Die Bundeskunsthalle zeigt unter dem Titel „Erträumte Reisen“ eine Ausstellung mit rund 180 Gemälden, Grafiken und Skulpturen. Es soll eine Retrospektive sein mit dem Anspruch, das Gesamtwerk vorzustellen. Das allerdings wäre nicht originell. Kirchner war immer wieder umfangreich zu sehen. Die Kuratorin Katharina Beisiegel möchte den Schwerpunkt neu setzen, weg vom hoch geschätzten Früh-, hin zum Spätwerk. Oder besser zum mittleren Werk, denn Kirchners Arbeiten der 1920er Jahre nehmen hier den breitesten Raum ein. Zudem beleuchtet die Schau einige wichtige Einzelaspekte neu.

Es schmerzt schon, wenn die hoch expressionistischen Bilder so an den Rand gedrängt werden wie jetzt in Bonn. Dabei muss man zugestehen, dass nichts wirklich fehlt, selbst die „Straßenszenen“ findet man, freilich nicht unter den Gemälden, sondern als Radierungen. Die Badenden, Akte, Freilichtbilder in Fehmarn und an den Moritzburger Teichen kann man nicht komplett übergehen. Werke wie „Das blaue Mädchen in der Sonne“ (1910), die „Zwei Akte an einem Baum“ (1913) und „Turmzimmer, Fehmarn“ (1913) gehören zum Besten von Kirchner. Schön, wie in Bonn Fotos die Situationen dokumentieren, die Auslöser dafür waren.

Aber die Schau stellt das Werk unter den Aspekt des Exotischen. „Brücke“-Künstler wie Max Pechstein und Emil Nolde bereisten die Pazifik-Region. Kirchner unternahm keine Fernreisen. Er holte sich die Inspiration in Zeichen-Happenings im Atelier und im Wald. Und er besuchte das Völkerkundemuseum in Dresden, den Zirkus und Völkerschauen, auf denen Afrikaner ausgestellt wurden. Kirchner engagierte drei Afrikaner aus einem Zirkus als Modelle. So entstand zum Beispiel das Gemälde „Negertänzerin“ (1909/11–1920). Zugleich sammelte der Maler außereuropäische Objekte wie den afrikanischen Leopardenhocker, den er mehrfach malte und zeichnete. Auch sieht man einige der Bronzetafeln aus Benin, die Kirchner zeichnete. Inwieweit der Umgang mit den Museumsstücken einem geistigen Reisen entsprach, bleibt Interpretationssache.

Die Schau belegt die Selbstinszenierung Kirchners. Sein Berliner Atelier hatte er mit bestickten Stoffbahnen wie ein exotisches Zelt eingerichtet. Kirchners Selbstporträt „Der Trinker“ entstand 1914 in einer Krisensituation.Er wollte nicht eingezogen werden, litt an den Folgen von Alkohol- und Morphium-Missbrauch. Die Ausstellungsmacher deuten es als Rollenbild, in dem der Maler sich als Afrikaner darstellte. Selbst während seiner Sanatoriumsaufenthalte malt und zeichnet Kirchner unaufhörlich, wie die Schau eindringlich belegt.

Von 1917 an lebte Kirchner in Davos. Dort malt er Alpenlandschaften, die viel ruhiger gestimmt sind als sein Frühwerk, in denen dafür Berge und Bäume in Blau-, Rosa- und Violett gehalten sind. Wie idyllisch wirkt das „Sertigtal im Herbst“ (1925/26) bei aller Verfremdung, wie aufgeräumt „Rathaus, Davos Platz“ (1931). Manche Motive entwickeln archaische Kraft, zum Beispiel das Bild der „drei alten Frauen“ (1925/26), die Kirchner wie Monumente vor ein Alpenpanorama stellt.

Es gibt einen weiteren Entwicklungssprung um 1930. Von Picasso übernimmt er zum Beispiel die Überblendung von Frontalansicht und Profil in Gesichtern, etwa im Holzschnitt „Selbstbildnis mit Erna“ (1933). In den späten Gemälden klären sich die Formen, Kirchner umhüllt Figuren mit einer verdoppelten Kontur, die er „Luftschatten“ nannte („Die Bogenschützen“, 1935/36). Die letzte Phase des Werks hätte noch pointierter präsentiert werden können. Wer weiß, wohin er noch gekommen wäre. Aber der „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland 1938 versetzte Kirchner in Panik. Er erschoss sich.

Allerdings bietet die Bonner Schau großartige Beispiele der Holzbildhauerei, die Kirchner neben der Malerei kontinuierlich betrieb. Für seine Frau Erna schuf er 1919 ein Bett mit figurativ geschmückten Kopf- und Seitenstücken, das als ein Hauptwerk präsentiert ist. Das eingangs beschriebene Gemälde der Akrobatinnen gibt es auch in einer geschnitzten Version (1932/33).

Man findet reiches Material zur Fotografie – viele Gemälde bereitete der Künstler mit Fotos vor. Sogar dem textilen Schaffen ist ein Saal gewidmet: Kirchner hatte bei einem Klinikaufenthalt die Weberin Lise Gujer kennen gelernt. Für sie entwarf er Bildteppiche, die sie farbstark und expressiv realisierte.

So fehlt in Bonn einiges, das zum Besten von Kirchner gehört. Aber dafür lernt man einiges Unvertraute kennen.

Bis 3. 3. 2019, di, mi 10 – 21,

do – so 10 – 19 Uhr,

Tel. 0228/ 9171 243,

www.bundeskunsthalle.de,

Katalog, Prestel Verlag, München, 35 Euro

Quelle: wa.de

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